Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
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ſtände und trägt eben in dieſen ihren Gefühlen ihren Himmel und ihre Hölle. Die Verſtimmun⸗ gen der Seele, die Verdumpfung ihres Gefühlslebens und die Unangemeſſenheit ihrer Gefühle im Verhältniß zu deren Urſachen beweiſen nur zu ſehr die Verkommenheit der menſchlichen See⸗ lennatur, welcher, als einer fühlenden, zur dauernden Vollbefriedigung nur allein das wahrhaft Schöne gereichen kann.(Seeligkeit; ewiges Leben.) Beſondere Gefühlserregungen oder Affekte ſind der Idee des Menſchen durchaus entſprechend, doch nur ſo lange, als ſie die geiſtliche Har⸗ monie des Seelenlebens nicht aufheben. Das gemeſſene Gebrauchen dieſes Lebens cultivirt den Reichthum der Geſühle. Die wollende oder ſtrebende Seele läßt ſich empfindend und den⸗ kend ein in einen Verkehr mit dem Daſein zur Erreichung oder Abwendung irgend eines Zieles, je nachdem es als ein Gut oder Uebel erſcheint. Dem Menſchen iſt hierin Willkühr gelaſſen, die aber nur in creatürlicher Vereinbarung mit dem Schöpferwillen wahre Freiheit wird nach Maßgabe der innewohnenden Richterſtimme oder der Idee des Sittlichguten. Ueber den Werth der Handlungen entſcheiden die Willenszuſtände, und der wahre Charakter iſt nur der ſittliche, der auf dem Glauben beruht. Die Krankheit, die Gebundenheit oder Unfreiheit des Willens, welche aus dem Abfalle und der Sünde ſtammt, die das Böſe und alle Untugenden erzeugt, iſt die Leidenſchaft, welche den Menſchen verthiert.

Denken, Fühlen und Wollen ohne Geiſt iſt thieriſch und alſo bei dem Menſchen nur ſ. g. niederes Seelenvermögen.

(Geiſteslehre.) Der Geſſt iſt der unerſchaffene Gotteshauch, dem Menſchen einge⸗ haucht, damit er als das göttliche Lebensprinzip die Menſchenſeele durchleuchte, und alſo auch der dadurch verrlärte Menſchenkörper das Werkzeng einer geiſtlichen Seele ſei. Mit dem Geiſte ſind dem Menſchen die Ideen(die weſenhaften göttlichen Lebensideale) eingeflößt, welche alle ſogenannten Seelenkräfte in die höhere, göttliche Lebens⸗Stufe erheben und nach Maßgabe der dreieinheitlichen Seelenconſtitution des Menſchen unter den drei allgemeinſten Ideal⸗Begriffen des Schönen, Wahren und Guten befaſſet werden. Der geiſtliche Verſtand iſt die Vernunft, in unverkümmertem Zuſtande die Führerin zur Wahrheit; die geiſtliche Empfindung iſt das ſ. g. Gefühl fürs Schöne(Wahre und Gute), in unverkümmertem Zuſtande von ſchiedsrichter⸗ lichem Gewichte in allen Dingen des Geſchmacks; der geiſtliche Wille iſt der gute, der ſittlich⸗ freie Wille, welcher der Stimme des Gewiſſens entſpricht und in den Verhältniſſen des ge⸗ ſelligen Lebens durch Thun und Laſſen alle Gerechtigkeit erfüllt. So haben alſo die einzelnen Zweige des Seelenlebens ihre Normen, Zielpunkte und Triebkräfte in den Ideen; und die Uridee Gottes ſelbſt hebet den ganzen Menſchen hinauf in das religiöſe oder Glaubens⸗Leben. Als die ewig lebendigen Fortbeweger der Menſchheit zur Vollendung hinan ſind die Ideen die OQuellen aller wahrhaft edlen Bethätigungen, Schöpfungen und Einrichtungen auf Erden, darinnen ſie ſelbſt zur Anerkennnng und Ausprägung kommen, insbeſondere der Wiſſenſchaft, der Kunſt, der erziehenden Volksſchule und des Staates, in welchen die Wahrheit, die Schönheit, die Sittlichteit und das Recht zur Verwirklichung auf der Erde gebracht werden ſollen, das letztere vorerſt zum Schutze der andern. Auf der in der Tiefe des menſchlichen Bewußtſeins lebenden Idee Gottes und deſſen perſönlichem Verhältniffe zum Menſchen beruht die Religion,