Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

Einheit und ſchließt ſich als ſolches an das Selbſtbewustſein an. Im Verfolge des vom Gro⸗ ben ins Feinſte hinein organiſirten Leibes muß man am Ende bei der phyſiſchen Lebenskraft ſtehen bleiben, welche als eine hinwiederum dreieinheitlich organiſirte ſich in drei Phaſen zu er⸗ kennen gibt, nämlich als Bewegung, Empfindung und Ernährung, für welche insbeſondere das Muskelſyſtem, das Nervenſyſtem und das Geſaͤßſyſtem die leiblichen Organe ſind. Das Mus⸗ kelſyſtem hat das Knochenſkelett zur Unterlage und wird anmuthig von der Haut umſchloſſen, welche nach ihrer wunderbaren Einrichtung das geeignete Wechſelverhältniß mit den äußeren Elementen vermittelt. Das Nervenſyſtem bildet unter dem gröberen und vergrobten Schlacken⸗ leibe den verhüllten Licht⸗Leib, für das Seelenleben das nächſte Anlehnungsorgan, deſſen Aus⸗ läufer die fünf bis ſechs Sinne als Wecker der Seele ſind. Das Gefäßſyſtem, deſſen Central⸗ punkte Herz, Lunge und Magen ſind, eignet dem Menſchen von Erde die irdiſchen Nährſtoffe zu, wandelt ſie um in Blut und erſetzt den phyſiſchen Verbrauch. Dieſer Kreislauf des organi⸗ ſchen Lebenspreoeſſes aber iſt deprimirt, und das ganze menſchliche Leibesleben überhaupt(das geſchlechtliche zu allermeiſt) iſt abnorm; im Dienſte einer geiſtesarm gewordenen unheiligen Seele erheben ſich ſeine einzelnen Kräfte und Triebe regellos, ſo daß es im Mißbrauche disharmoniſch ſich ſelbſt aufreibt und kränkelt an allen Ecken und Enden. Die eintretenden natürlichen Kriſen wirken nur palliativ; Verbrauch, Abnutzung, Stockung und Verfall ſind die unausbleiblichen Re⸗ ſurtate, und die letzte Kriſis iſt der Tod, der aber nicht das Ziel des Mernſchenleibes ſein kann, weil er der Idee des Menſchen nicht entſpricht.

(Seelenlehre.) Die Seele iſt das ſehende Selbſt(die zweite Potenz) im Menſchen, welches Alles inne wird,(als ein See) rückſpiegelt und ſich zueignet zur Seeligkeit oder Un⸗ ſeeligkeit. Sie hat im Leibe ihre perſönliche Umgrenzung und im Geiſte ihr ideelles Regulativ, im Selbſtbewußtſein ihre Lebensmitte. Das Selbſtbewußtſein iſt der Herd alles perſönlichen Menſchenlebens, und ſeine Culturſtufe iſt der Maßſtab für dieſes. Geiſtliches Selbſtbewußtſein iſt die Blume des Menſchen und die unvertilgbare Urſache alles creatürlichen Gottesbewußtſeins. Das wunderbare Wechſelverhältniß zwiſchen Seele und Leib beruht auf der unauflöslichen Im⸗ manenz beider.(Pathognomik iſt ſchwierig, aber lohnend; Phyſiognomik bedenklich; Kranioſkopie und Phrenologie gefährlich.) Das Seelenleben ſelbſt offenbart ſich dreieinheitlich als ein Denken, Fühlen und Wollen, doch ſo, daß ſich die lebende Seele genetiſch vom Schlafleben zum Wach⸗ leben, in dieſem vom Empfinden zum Erkennen, und von beiden aus zum Streben und Thun erſchließt. Die denkende Seele beginnt auf Grund des Anſchauens ihre intellektuelle Thätig⸗ keit zum Zwecke des Erkennens mit den Vorbedingungen des eigentlichen Denkens, nämlich mit dem Vorſtellen, Einbilden und Behalten; vollzieht ſodann zum Zwecke des Verſtändniſſes(als Verſtand) ihren Denkprozeß durch das Begreifen, Urtheilen und Schließen; erhebt ſich in geiſt⸗ lichem Drange endlich zur Wiſſenſchaft und erſtrebet die Wahrheit. Wie ſehr aber der menſch⸗ liche Verſtand ſammt der menſchlichen Erkenntniß an Stumpfheit, Unklarheit, Unfolgerichtigkeit und Irrthum leidet, iſt bekannt; die Urſache davon iſt die menſchliche Seelenverdunkelung oder Entgeiſtigung, durch welche überhaupt die menſchliche Cultur aufgehalten iſt. Die empfindende Seele wird unter den Formen des Wohls und des Wehe aller Eindrücke inne, fühlt ihre Zu⸗

2

H⸗