Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
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wegen, ſo daß ſie am Ende etwa nur eine Summe problematiſcher und unzuſammenhängender Sätze abgäbe. Nein. Sie ſchreitet aus der Volltiefe des chriſtlichen oder vernünftigen Selbſt⸗ bewußtſeins in concentriſcher Extenſion ſtets weiter vor mit einer inneren Nothwendigkeit der Methode; und dieſe Methode iſt die alles materiellen und geiſtigen Werdens, nämlich die ge⸗ netiſche, die einfachſte, gründlichſte und anſchaulichſte. Nur bei dieſer Behandlung allein wird Pſychologie dem Seminariſten wahrhaft verſtändlich, thatſächlich eigen und ein bleibendes Gut; nur auf dieſe Weiſe bewältiget der Seminariſt die Maſſe des pſychologiſchen Stoffes, und führt er denſelben freudig und überzeugungsvoll ein in ſein eigenes Fleiſch und Blut; nur ſo verwächſt ſeine Pſycholgie mit ſeinem ganzen Leben und ſenkt ſich einheitlich ein in den Or⸗ ganismus ſeines Wiſſens zur heilſamſten Regelung ſeiner anderweitigen Erkenntniſſe,

Damit indeſſen dieſes nicht als bloſes Gerede erſcheinen möge, ſo will ich verſuchen, in einer kurzen Skizze den Organismus der pſychologiſchen Wiſſenſchaft für ein Volkslehrer⸗Semi⸗ nar hier ſich entfalten zu laſſen..

(Einleitung.) In ſeinem chriſtlich wach gerufenen Selbſtbewußtſein weiß ſich der Menſch als ein einiges untrennbares Individuum von geiſtlichem Seelenleben in irdiſcher Leibes⸗ natur. Erfahrungen von einem höchſt läſtigen Widerſtreite zwiſchen dem geiſtlichen und ſinn⸗ lichen Zuge ſeiner Seele verbürgen ihm die Richtigkeit jenes Bewußtſeins. Darnach den Men⸗ ſchen dreieinheitlich zu begreifen, iſt die Aufgabe der Menſchenkunde(Anthropologie), welche ſich alſo von ſelbſt zerlegt in ſomatiſche, pſychiſche und pneumatiſche Anthropologie, d. h. in Körper⸗ lehre, Seelenlehre und Geiſteslehre.

(Allgemeine Anthropologie.) Der Dreieinheit ſeiner Natur bewußt, weiß ſich der Menſch als eine Perſon, deren Seele im natürlichen Leibe ein geiſtliches Leben zu führen hat. Eine Trennung oder Zerſpaltung ſeiner Natur weiß er in ſeiner Idee nicht einbegriffen; wo er eine ſolche peinliche Zertrennung dennoch inne wird, da kann er dieſelbe nur begreifen als einen unternatürlichen(kritiſchen) Strafſtand, aus welchem errettet zu werden, er die unvertilg⸗ bare Hoffnung in ſich trägt. Dermaßen weiß ſich der Menſch als das bevorzugteſte oberſte Geſchöpf der Erde, mit allen ſeines Gleichen ein ganz eigenes Reich bildend; und alle einzelnen Vorzüge an Leib und Seele begreift er aus ſeiner Geiſtigkeit. Darum weiß er ſich aber auch mit dem geſammten Menſchengeſchlechte als eine einzige Gattung; mögen es noch ſo mannich⸗ faltige Racen, Conſtitutionen, Temperamente und Individualitäten geben, es gibt nur eine einzige Anthropologie und Pſychologie.

(Körperlehre.) Der Menſchenkörper iſt die natürliche, ſtoffliche Baſis oder Unterlage der menſchlichen Perſon, zugleich der Ausdruck oder das ſichtbare Zeichen der menſchlichen Geiſtigkeit, alſo die nothwendige Umgrenzung der individuellen Seele, mithin der höchſte Aus⸗ druck irdiſcher Schönheit, weil creatürlicher Freiheit. Aus dem Geiſte fließt auch für den Leib der wahre Lebensathem, in dem Geiſte beruht auch ſeine Einheit und Harmonie. Alle Stoffe der Erdſubſtanz in eigenthümlicher Miſchung in ſich tragend, iſt der Menſchenleib wunderbar organiſirt und ſehr mannichfaltig nach den Geſetzen der Trichotomie und Polarität, doch einheit⸗ lich artikulirt. Bei aller Mannichfaltigkeit der Artikulirung gewährt das Gemeingefühl die