Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
Einzelbild herunterladen

0

wendigen Naturprozeſſes aus dem Infuſorium und der Molluske endlich ein Menſchlein geworden wäre. Vielmehr erſcheint nunmehr die Annahme als eine nothwendige, daß das menſchliche In⸗ dividuum menſchlich charakteriſirt, alſo dreieinheitlich organiſirt, ſchon im früheſten Keime ſeit dem erſten wunderbaren Akte ſeiner Schöpfung im verborgenen Mutterſchoße vorhanden war; wie wenig auch ſein zur böchſten Lebensentfaltung prädisponirtes Weſen die niederſten Stufen phyſiſcher Lebensbethätigung ausſchließt, und wie ſehr auch bei ſeiner Entwicklung ein Fortgang in aufſteigender Progreſſion vom Stande des Schlaflebens in unſelbſtſtändiger embryoniſcher Ge⸗ bundenheit an die Mutter bis zum Stande höchſter Charakterfreiheit anerkannt werden muß. (Luk. 1, 15. 35. 42. 44.)

Die zur Beſinnung gekommene, dem bibliſchen Offenbarungsdogma von der dreieinheitlichen Organiſation der perſönlichen Menſchennatur huldigende Pſychologie wird alſo hinfort nicht mehr in zerſtückelnder(atomiſtiſcher) Abſtraction reden können von den ſogenannten Kräften der Seele, von dem ſ. g. Denk⸗, Gefühls⸗ und Begehrungsvermögen, oder insbeſondere von dem ſ. g. Be⸗ griffs⸗, Urtheils⸗ und Schlußvermögen des Menſchen; ſondern ſie wird die in ſich einige Men⸗ ſchenſeele befaſſen als die fühlende(in ihrer bewußten Paſſivität, ZuſtändlichkeitAffection oder Stimmung), als die denkende(in ihrer theoretiſchen oder rückſpiegelnden Activität) und als die wollende(in ihrer praktiſchen oder abſichtlich zu einem Einwirken ſich anſchickenden, ſtrebenden Activität). Sie wird den Geiſt aufſuchen nicht auf irgend einem Punkte des menſchlichen See⸗ lenlebens, ſondern in der einen ganzen Seele und ſomit in allen ihren Zuſtänden oder Bethäti⸗ gungen. Sie wird die Seele aufſuchen nicht in dem Verſchluſſe irgend eines der menſchlichen Leibesorgane, ſondern in der Totalität des Körperorganismus, zumal des dem gröberen Schlacken⸗ leibe inne wohnenden feineren Nervenleibes; ohne die vorzugsweiſe Dienſtbarkeit oder vermittelnde Bethätigung eines einzelnen Theilorgans bei den Vorgängen des Seelenlebens leugnen zu wollen. Sie wird fortan nicht mehr die Grenzſcheide zwiſchen Leib und Seele, zwiſchen Leibes⸗ und Seelenempfindung ausfindig machen wollen; auch nicht mehr den naiven Traum rationa⸗ liſtiſcher Spiritualiſten(vernünftelnder Naturverächter) von der ſ. g. reinen, entbundenen, freien, leeren Seele in der Ewigkeit nachträumen unter Mißverſtand von Schriftſtellen, wie Luk. 24, 39. 1 Cor. 15, 50., noch viel weniger in den Wiederſinn grober Senſualiſten(Sinnlichkeits⸗ Vergötterer) vom Verenden der Seele im Tode jemals einſtimmen. Für den bibliſchen Pſycho⸗ logen iſt es ein feſter oberſter Satz: Der unerſchaffene, aus Gottes ewigem Geiſte uns mit der Erſchaffung eingehauchte Geiſt iſt das ewige Lebenslicht und wahre Belebungsprinzip für unſere Seele und unſern Leib, iſt darum auch die Urſache unſerer perſönlichen Lebenseinheit und Lebensharmonie in allen Theilen, Stufen und Gebieten unſerer Organiſation, alſo das eigen⸗ thümliche Organiſationselement unſerer menſchlichen Natur ſelbſt, die einzige Vermittelung alles höheren Lebensſuccurſes aus der ewigen Lebensquelle und die den Menſchen in ſeiner Idee er⸗ haltende höhere Nothwendigkeit.(Norma normans; Natura naturans.)

Will nun unter ehrlicher Annahme ſolcher durch die heilige Schrift gegebener Aufklärun⸗ gen, mögen ſie immerhin Vorausſetzungen genannt werden, die Wiſſenſchaft der Pſychologie, welche als pſychiſche Anthropologie eine ſomatiſche und pneumatiſche zur Seite zu nehmen hat,