Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die oberſten grundſätze,

nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerſeminarien zu behandeln iſt.

Wer die Lehre vom Menſchen(Anthropologie), insbeſondere die Seelenlehre(pſychiſche Anthropologie oder Pſychologie), an einem Schullehrerſeminare behandeln will, der muß ſich vor allen Dingen des außerordentlichen Gewichtes dieſer Disciplin und der großen Verantwor⸗ tung bei ihrer Behandlung durchaus bewußt geworden ſein; er muß bedenkeu, daß es der Menſch mit ſeiner unſterblichen Seele iſt, von welchem er zu handeln hat, und es muß ihm vor Augen ſchweben, wie er durch dieſen wichtigen Lehrgegenſtand eine Summe durchgreifender Welt⸗- und Lebens⸗Anſchauungen an Zöglinge bringt, welche ſofort dieſe Anſchauungen nicht allein unmittelbar oder mittelbar in den geſammten Anwuchs des Volkes hineinwerfen, ſondern dieſelben auch als maßgebende bei ihrer ganzen pädagogiſchen Praxis verwenden. Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet, dürfte durch Gewicht des Einfluſſes unter allen Seminar⸗Lehr⸗ zweigen wohl nur allein der Religionsunterricht vor dem hier in Rede ſtehenden den Vorrang behaupten. Es wird demnach wahrlich nicht gleichgültig ſein, nach welchen Grundſätzen derſelbe überhaupt, grade aber an Seminarien behandelt wird. Hierüber das Richtige zu erfaſſen, feſt⸗ zuſtellen und in die Augen zu rücken, ſoweit es der zugemeſſene Raum geſtattet, iſt der Zweck nachfolgender Zeilen.

Kaum mag wohl auf irgend einem wiſſenſchaftlichen Gebiete die vage Willkühr menſchlicher Meinungen mehr Unfug getrieben haben, als auf dem der Pſychologte. Bald verſeichtigte man ſich auf dieſem Gebiete in die ödeſten Sandſteppen der gemeinſten Schein⸗Erfahrung(Empirie), bald verſtieg man ſich in die luftigſten Nebelphantaſieen einer ſchwebelnden Gedankengrübelei (ſogenannter metaphyſiſcher Speculation), bald auch verrannte man ſich in die hohlſten Trug⸗ ſchlͤſſe einer formaliſtiſchen Abſtraction und Begriffsſpalterei. Dadurch wurde die Pſychologie nur zu oft oppoſitionell gegen die wichtigſten anderweitigen Wiſſenſchaften, trat insbeſondere in

1