— 20—
Unrecht zu ſtrafen, durch Liebe iſt die Liebloſigkeit zu überwinden, damit das Reich der Gerechtigkeit Gottes erſcheine. Das iſt die chriſtliche Auslegung und Vollendung des altteſtamentlichen Vergeltungsgeſetzes. Deßwegen Chriſtus:„Ich aber ſage euch, daß ihr nicht widerſtreben ſollt dem Uebel, ſondern ſo dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar; und ſo jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantelz und ſo dich jemand nöthiget eine Meile, ſo gehe mit ihm zwo. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will.“ Das lautet freilich der gemeinen Welt unnatürlich, gewal⸗ tig einfältig, und dient nicht wenig zum Geſpötte. Ader einfältig ja, kindlich gött⸗ lich iſt dieſes chriſtliche Gebot, vom Sohne Gottes am Kreuze erfüllt; und die Kin⸗ der Gottes, die es über ſich gewinnen, zu üben dieſes neue Gebot, den Bruder zu lieben noch mehr, als ſich ſelbſt, bringen die Ehre des Sohnes Gottes auf ſich. Dem Bittenden geben ohne jede Berechnung der Rückerſtattung, indem man ſich ſelbſt mit Herz in die Lage des Flehenden ſtellt; den Zwingenden durch Willfährigkeit des Dienſt⸗ leiſtens an Kraft überbieten; den ungerechten gewaltſamen Forderer mit freier Dop⸗ pelwohlthat beſchämen; den rohen Beleidiger und Mißhandler durch engelgleiche Ruhe, Sanftmuth und Ergebung frappiren und beſänftigen; das heißt Moſen und die Propheten erfüllen, das iſt chriſtliche Menſchengröße, das heißt die Welt beſ⸗ ſern und bauen das heilige Reich des Gekreuzigten. Spotte darum die Welt ſolcher Einfalt, in dieſer ihrer ſpöttiſchen Blindheit verdirbt ſie.
Sechſtes Beiſpiel.„Ihr habt gehört, daß geſagt iſt: Du ſollt deinen Nächſten lieben und deinen Feind haſſen.“ Auch das war ein trauriger Be⸗ weis von der das heilige Geſetz Moſis abſchwächenden Macht der Sünde im jüdiſchen Volke, daß man in dem Gebote: Du ſollſt deinen Nächſten lieben, als dich ſelbſt, den Schlußſatz weg ließ, unter dem Nächſten blos die Juden verſtand, die vorausgehende Ermahnung zur Unterdrückung aller Rachſucht überſah und eigenmächtig den elenden Zuſatz machte: Deinen Feind magſt du haſſen; wobei man die Heiden ſchlechtweg dem Juden als ſeine Feinde bezeichnete. Auf dieſe Weiſe war das ſchönſte aller Gebote des alten Teſtamentes, das Gebot, den Nächſten zu lieben als ſich ſelbſt, und ſogar den Feind zu lieben, nicht nur völlig vernichtet, ſondern es war auch die Weiterent⸗


