keit war das phariſäiſch verführte Judenvolk untergegangen, im freien Lichte der Glau⸗ bensgerechtigkeit ſollen Juden und Heiden neugeboren auferſtehen als wahrhaftige Kin⸗ der Gottes. Deßhalb Chriſtus in ſeiner Rede fortfährt:„Denn ich ſage euch: Es ſei denn eure Gerechtigkeit beſſer, denn der Schriftgelehrten und Pha⸗ riſäer, ſo werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“
An ſechs Exempeln zeigt nun der Herr anſchaulich, wie aus dem ungefärbten, unverkümmerten Schriftworte alten Teſtamentes als dem Worte Gottes ſich die Wahr⸗ heit des neuen Teſtamentes wunderherrlich entfalte, wie darum die willkührlichen Ver⸗ drehungen, Beſchränkungen und Zuſätze der phariſäiſchen Rabbi's allerdings fallen müßten, Moſis Geſetz indeſſen in ewiger Geltung bleibe, der Sohn Gottes aber es ſammt den Propheten zu erfüllen und zu vollenden gekommen ſei. Nachgewieſen wird das von ihm an den altteſtamentlichen Geboten über den Mord, den Ehebruch, die Eheſcheidung, das Schwören, das Vergeltungsrecht und die Nächſtenliebe.
Erſtes Beiſpiel.„Ihr habt gehört, daß zu den Alten geſagt iſt: Du ſollſt nicht tödten; wer aber'tödtet, der ſoll des Gerichtes ſchuldig ſein. Ich aber ſage euch, wer mit ſeinem Bruder zürnet, der iſt des Gerichtes ſchuldig. Wer aber zu ſeinem Bruder ſaget: Racha, der iſt des Rathes ſchuldig. Wer aber ſaget: Du Narr, der iſt des hölliſchen Feuers ſchul⸗ dig.“ Wenn ſchon vor Alters durch die Phariſäer es Sitte geworden iſt, das Ge⸗ bot Moſis: Du ſollſt nicht tödten, durch den Zuſatz zu verklauſuliren: Wer aber tödtet, ſoll dem Gerichte haftbar ſein; ſo iſt der ernſtere Sinn und die tiefe Bedeutung jenes Gebotes dadurch abgeſchwächt worden, während es ohne allen Zuſatz die edelſte und zärteſte Sittlichkeit aus ſich entwickeln läßt, wie ich es thue. Demnach ſage ich euch: Wer ſchon unbeſonnen ſich zum Zürnen mit ſeinem Nebenmenſchen, ſeinem Bruder, hinreißen läßt, der hat den Mordgeiſt ſchon in ſich eingelaſſen, der ſchon verdient die Strafe, die das Untergericht verhängen darf. Wer aber ſchon ſo weit dem Mordgeiſte in ſeinem Herzen Raum gibt, daß er den Bruder mordgierig verkleinert und unter die Würde des Menſchen hinabſtößt, ihn ein Vieh oder einen Racker heißt, den kann ein Untergericht ſchon nicht mehr gebührend ſtrafen, der iſt dem zur ſchwereren Strafe be⸗ fugten Hohenrathe verfallen. Wer aber gar in ſeiner wilden Bosheit ſo weit geht


