Aufsatz 
Festschrift der Oberrealschule zu Gießen 1837-1937 / Hrsg. von Hugo Leonhardt und seinen Mitarbeitern
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſchule zur Oberrealſchule und der räumlichen und verwaltungsmäßi⸗ gen Trennung der Oberrealſchule von dem Realgumnaſium wurde im Jahre 1914 die Oberrealſchule mit der Durchführung des pädagogi⸗ ſchen Seminars betraut. Mit Direktor Schnell kam das pädagogiſche Seminar von der Realſchule in Butzbach an die Oberrealſchule zu Gießen. Durch Verfügung des Großh. Miniſteriums des Innern, Abtlg. f. Schulangelegenheiten vom 24. 4. 1914 wurde das Seminar errichtet. Kach der genannten Verfügung ſollte die Aufgabe des Se⸗ minars vor allem die pädagogiſche Ausbildung der Lehramtsreferen⸗ dare der mathematiſch⸗naturwiſſenſchaftlichen Fächer ſein, dann aber auch der Referendare der neuſprachlichen Fächer, die durch beſondere verhältniſſe nach Gießen gewieſen wurden. Vier Referendare im zweiten Halbjahr ihrer Vorbereitung kamen von Butzbach mit dem Seminar und ſeinem Leiter nach Gießen herüber. Gleichzeitig be⸗ gannen fünf weitere Referendare ihr Seminarjahr. Eine verantwor⸗ tungsvolle und ſchwere Aufgabe war mit der Ausbildung der Re⸗ ferendare für ihren künftigen Beruf als Jugenderzieher der Anſtalts⸗ leitung und den Erziehern übertragen. Neben der theoretiſchen Anter⸗ weiſung ſtand die Praxis. Die Satzungen der pädagogiſchen Seminare für höhere Lehranſtalten im Großherzogtum Heſſen vom 20. April 1880 bezeichnen als Aufgabe der Seminarien die Bekanntmachung der Kandidaten mit der pädagogiſchen Theorie, die Förderung ihrer fachwiſſenſchaftlichen Bildung für die Zwecke des Anterrichts und der Erziehung und die Anleitung zur praktiſchen Anwendung der ge⸗ wonnenen Kenntniſſe. Die Einführung in die theoretiſche Pädagogik erfolgt ourch den Direktor, die Anleitung für die Anwendung der Fachkenntniſſe auf die Schulzwecke und die ſpezielle methodiſche An⸗ terweiſung durch die mit der Anleitung der Seminarmitglieder beauf⸗ tragten Lehrer unter Oberaufſicht des Direktors. Die Seminaraus⸗ bildung zerfällt ſomit in die theoretiſche Alnterweiſung und theore⸗ tiſchen Arbeiten, das Zuhören beim Anterrichten und den eigenen An⸗ terricht der Seminarmitglieder.

Die erſten Jahre des pädagogiſchen Seminars an unſerer Anſtalt fielen in den Weltkrieg und konnten die geſtellten Forderungen nur zum Teil erfüllen. Die Not der Zeit hatte auch in der Ausbildung der Referendare eine gewiſſe Anregelmäßigkeit zur Folge. Die zur Ausbildung überwieſenen Herren mußten ſchon ſelbſtändig Anter⸗ richt an der Seminaranſtalt übernehmen oder ſie wurden nach

85