Aufsatz 
Festschrift der Oberrealschule zu Gießen 1837-1937 / Hrsg. von Hugo Leonhardt und seinen Mitarbeitern
Entstehung
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Auf die Dauer konnte das Pädagogium dieſer vielſeitigen Aufgabe wohl kaum genügen, ohne eigenen Schaden zu nehmen.

In erſter Linie als Vorbereitungsanſtalt für gelehrte Studien an der Aniverſität gegründet und ausgebaut, mußte es ſich freihalten von den beſonderen Aufgaben, die das heraufziehende 19. Jahrhundert, das Zeitalter der Naturwiſſenſchaften, mit ſich brachte.

Die ſtürmiſch fortſchreitenden Naturerkenntniſſe, die zahlreichen Er⸗ findungen, die Anfänge des kommenden Maſchinenzeitalters mit ſeinen weitgreifenden ſozialen und wirtſchaftlichen Veränderungen, der glücklich beendete Freiheitskrieg ſtellten neuartige und immer höhere Anforderungen an die Vorbildung der Zugend des mächtig aufſtrebenden Bürgertums, des Kaufmanns⸗, Handels⸗ und Gewerbe⸗ ſtandes. Dieſen mehr aus praktiſchen Bedürfniſſen kommenden neuen Forderungen konnte in vollem Maße nur eine ganz neue Schulform, kürzer als das Pädagogium in der Dauer der Schulzeit, gerecht wer⸗ den, die ſogenannte Kealſchule.

Daß auch in Gießen dieſes Bedürfnis ſich ſchon lange regte, beweiſt der Lehrer am Pädagogium Ph. Mich. Snell bereits 1778 mit ſeiner Bekanntmachung betr. Gründung einer Privatrealſchule, die er in ſeinem Hauſe neben ſeiner ordentlichen Lehrtätigkeit plante. Die Ausführung dieſes Anternehmens, mit dem Snell in erſter Linie ſeine Einkünfte verbeſſern wollte, wurde jedoch rechtzeitig durch den Senat der Alniverſität verhindert, der eine Schädigung des Pädago⸗ giums befürchtete. Die erſtrebteRealſchulbildung ſuchte der Se⸗ nat damals zu erzielen durch Aufnahme und Verſtärkung der reali⸗ ſtiſchen Fächer im Lehrplan des Pädagogiums.

Lange war der BegriffRealſchule nach Form, Inhalt und Ziel nicht feſt umſchrieben. Im 18. Jahrhundert zunächſt durch den Kütz⸗ lichkeitsſtandpunkt beſtimmt und als Vorbereitungsanſtalt für die un⸗ mittelbaren Berufszwecke, alſo mehr als Fachſchule entſtanden, hat ſie erſt ſeit den Loer Jahren des 19. Jahrhunderts eine feſte und bleibende Geſtalt gewonnen. Gleich dem Gumnaſium ſollte ſie das Fundament legen zu einer über das Maß der Volksſchule hinaus⸗ gehenden Allgemeinbildung für alle höheren bürgerlichen Berufe, je⸗

1. Diehl I, 342 ff.