Leider begannen das Anſehen und die Erfolge der blühenden und oͤurch ihre Leiſtungen bekannten Lateinſchule vom zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts an mehr und mehr zu ſinken. Allzuſchlechte Beſoldung der Lehrkräfte, deren„Exiſtenz ohne private Einnahmen unmöglich war““, geringwertiges Schülermaterial, der ſchmutzige Zu⸗ ſtand der Schule, vereinzelte weniger fähige Lehrer, die nicht ver⸗ ſtanden, den Anforderungen einer neuen Zeit entgegenzukommen, nicht zuletzt eine beſſer ausgeſtattete und umſichtig geleitete Privat⸗ ſchule, die gutes Schülermaterial aus allen Klaſſen der Geſellſchaft an ſich zog, ließen die Stadtſchule ihrem allmählichen Verfall als La⸗ teinſchule entgegengehen.
Auch das Pädagogium büßte vorübergehend an ſeinem Anſehen ein. Schon 1715 wurde in einem Viſitationsbericht der Behörde über die mangelhafte Verfaſſung der Gießener Schulen geklagt,„daß Päda⸗ gogia und Trivial⸗, d. i. Stadtſchulen, dermaßen ſchlecht verſehen, daß die aus denſelben ankommenden Studioſi gar keine Fundamenta in latinitate noch übrigen philosophiae partibus mitbrächten“.
Abhilfe und neuen Aufſchwung ſollten die verſchiedenen 1720-1815 an den alten Schulen vorgenommenen Reformen bringen. Durch Zahrhunderte hindurch hatte die„gelehrte“ Schule ihre Aufgabe im weſentlichen in der Pflege der humaniſtiſchen Wiſſenſchaften geſehen; immer ſtärker laſtete auf ihr der Zwang, ſich den Zeitverhältniſſen anzupaſſen und neuen Forderungen die Tore zu öffnen. Denn Inhalt und Form der Schule ſind in ihrer Wandelbarkeit nun einmal be⸗ ſtimmt durch die geiſtigen Strömungen der Zeit und durch die jewei⸗ lige wirtſchaftliche Lage. Geſchichtliche Wendepunkte wurden auch zu Wendepunkten in der Schule.
Am weitgehenoͤſten Anſprüchen gerecht zu werden, war das Pädago⸗ gium nicht ſelten geneigt, auf beſondere Bedürfniſſe der einzelnen Schüler jedwede Rückſicht zu nehmen. So konnten Knaben, die ſich dem Forſtfach oder einem„anderen Zweig der Cameraliſtik“ wid⸗ men wollten, ohne griechiſchen Anterricht und mit einem geringeren Maß lateiniſcher Kenntniſſe durchkommen, andere, die einen rein praktiſchen Beruf im Auge hatten, waren auf Wunſch der Eltern ſchon in den Anterklaſſen ſogar vom Hauptfach, dem Latein, befreit.
1. Wilh. Diehl, Heff. Schuloroͤnungen, 1903.
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