Aus der Geſchichte der Gießener Bealanſtalten
Die Gründung der Realſchule Oberſtudiendirektor W. Angelberger am Realgumnaſium
Bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts umfaßte die in vorrefor⸗ matoriſche Zeiten zurückreichende Gießener Stadtſchule zwei Ab⸗ teilungen, die„teutſche“ oder„untere“ Stadtſchule des 3. Präzeptors und die zweiklaſſige„obere“ oder ſog.„lateiniſche Stadtſchule“ unter dem 1. und 2. Präzeptor; eine beſondere Mädchenklaſſe war 1791 errichtet worden.
Wie alle Lateinſchulen des Landes diente auch die Gießener zunächſt den Bedürfniſſen des Bürgerſtandes; ſie bereitete aber zugleich auch vor für das dreiklaſſige ſog. Pädagogium. Die Eröffnung dieſer höheren,„gelehrten“ Schule durch den Landgrafen von Heſſen⸗Darm⸗ ſtadt, Ludwig den Getreuen(1596-1620), im Jahre 1005 ſtand in engſtem Zuſammenhang mit der zwei Jahre ſpäter erfolgenden Grün⸗ dung der Aniverſität. Sie war dieſer über zwei Jahrhunderte ange⸗ gliedert, ſtand unter der Leitung eines Profeſſors der Theologie oder der Philoſophie, des Pädagogiarchen, und hatte das Recht der Exem⸗ tion, d. h. der Entlaſſung ihrer Schüler zur Aniverſität. Als„Groß⸗ herzogl. Ggmnaſium“ trat es 1838 in einen neuen Abſchnitt ſeiner Geſchichte ein; bei ſeiner 300⸗Jahrfeier wurde ihm der Name„Land⸗ graf⸗Ludwigs⸗Gumnaſium“ verliehen.
Die Lehrkräfte waren auch an den Knabenoberſtufen der Stadtſchule faſt durchweg akademiſch gebildete Theologen, die als„Frei“⸗ oder „Mitprediger“ zur Abernahme von Sonntagsgottesdienſten in den ſtädtiſchen Kirchen verpflichtet waren und den Lehrberuf ausübten, bis ſich ihnen eine freiwerdende Pfarrſtelle bot. Nur der„teutſche“ und vor allem der„Mägdlein⸗Schulmeiſter“ waren häufig ungeprüft, bis durch die Gründung der Lehrerſeminarien zu Friedͤberg(1817) und zu Bensheim(1821) gut vorgebildete volksſchullehrer zur Ver⸗ fügung ſtanden.


