1. Wielands Verhältnis zu Edmund Spenser.
Edmund Spenser ist besonders durch zwei Werke,„The Shepheardes Calender“ und„The Faerie Queene“ in der Literaturgeschichte bekannt.
Keine Andeutungen irgendwelcher Art weisen darauf hin, daß Wieland„The Shepheardes Calender“ gekannt hat. Von der„Faerie Queene“, spricht er zum ersten Male in einem Briefe an Friedrich Just Riedel, in dem er sich folgendermaßen äußert ¹):
„lch brüte seltsame Dinge.— Ein Gedicht, das Land der ldeen, in welches ich nicht etwan auf dem Pegasus, oder dem Hippogryphen des Ruggiero, oder dem Clavilenno des Don Quixotte— sondern auf meinem Steckenpferdchen reiten werde....... Denn Ihr Couplet: daß jeder doch sein Steckenpferdchen reite etc. ist schon lange mein Wahlspruch.... Ein anderes, Phyche*) genannt, welches(in seiner Art Notabene) in die Klasse der Fairy Queen gehörigseyn mag: denn es wird einen allegorischen Sinn haben, ohne langweilig zu werden..... und
eine ganze Menge Erzählungen, mehr moralisch im eigentlichen Sinne dieses Wortes, als komisch oder launisch.“
Wieland scheint, nach diesem Briefe zu urteilen, die„Faerie Queene“ schon am 10. August 1768 gekannt zu haben. Merkwürdig ist es daher, daß er am 15. Dezember 1768 in einem Briefe an Riedel darauf hinweist, daß ihm sein Buchhändler Reich erst vor wenigen Tagen einige englische Bücher, darunter die„Fairy Queen“, zugeschickt habes).
Dieser Widerspruch ist schwer zu erklären. Vielleicht hatte Wieland das Werk irgendwo, etwa in der Bibliothek des Grafen von Stadion, gefunden und gelesen, und da es ihm gefiel, so wollte er in dessen Eigenbesitz gelangen.
Wie aus der oben angezogenen Briefstelle hervorgeht, plant Wieland im August des Jahres 1768 die Abfassung eines in die Klasse der Fairy Queen gehörigen Gedichtes, das er Psyche nennen will¹). Das Gedicht ist unvollendet geblieben. Erhalten sind nur Bruchstücke. Bemerkenswerte Anklänge an die„Faerie Queene“ lassen sich in diesen Fragmenten nicht mit Sicherheit feststellen. Möglicherweise schwebte dem Dichter für das Ganze die Dame Alma im 2. Buch, 9. Canto der Faerie Queene, die ebenfalls eine Allegorie der menschlichen Seele vorstellt, vor. Eine Stelle ⁵) könnte vielleicht durch
¹) Auswahl denkwürdiger Briefe von C. M. Wieland, herausgegeben von Ludwig Wieland. Wien 1815 Bd. 1, S. 203 f.; ²) für„Psyche“.
3) Vergl. Auswahl I/231.
4) Vergl. oben. 5) Vergl. Ausgabe Göschen Bd. 5, S. 223 f.


