Aufsatz 
Gallicismen in niederrheinischen Mundarten : 1. Teil / von J. Leithaeuser
Entstehung
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Egalité und Fraternité der Neufranken durch Auflegung von unerschwinglichen Kontributions- Summen und fast noch empfindlichere planlose Einzelplünderung sich bitter bemerkbar in dem damals schon industriell entwickelten occupirten Terrain landeinwärts von Düsseldorf. Indessen datiert der eigentliche französische Einfluſs erst von dem Augenblicke an, wo der Kurfürst Max Joseph von Baiern das Herzogtum Berg an Napoleon abtrat(15. März 1806), welcher dasselbe mit anderen, namentlich clevischen Gebietsteilen vereinigte, zum Groſs- herzogtum erhob und seinem Schwager Joachim Murat verlieh. Noch enger wurde bekanntlich der Anschlufs an Frankreich, als Napoleon 1808 selbst die Regierung für seinen Neffen Ludwig übernahm.

Das Land wurde nach französischem Muster in 4 départements, 12 arrondissements und 78 cantons eingeteilt. Murat selbst hat sich zwar nur zweimal vorübergehend in seinem Lande aufgehalten, und Napoleon war nur einmal dort, desto gröſser aber war die Schar der französischen höheren und niederen Beamten, welche das Land überfluteten. Fast alle wichtigen Stellen wurden mit Franzosen besetzt. Ein Zeitgenosse, selbst Justizbeamter in Münster, schreibt über die damaligen Zustände:Die fremden Elemente machten sich mit jedem Tage geltender, und Münster war mit Franzosen aller Art, überfüllt, sie beherrschten alle Zustände und Verhältnisse: wir waren die Unterdrückten.¹) Auſserordentlich groſs war die Erbitterung des Volkes über das französische Konskriptionssystem, welches jährlich eine Reihe junger Landeskinder zu den Fahnen rief, die ganz nach französischer Art und Form ausgebildet wurden, um dann meist im Auslande ihr Leben für den fremden Eroberer zu lassen. Die Folge davon war, daſs bei den Aushebungen selbst und auch später in den Garnisonen Widersetzlichkeiten und Desertionen an der Tagesordnung waren.²) Die Offiziere, denen die Ausbildung dieser Regimenter oblag, waren in der Mehrheit Franzosen. Napoleon hatte sogar die Absicht, junge Leute des Landes nach St. Cyr und St. Germain behufs Aus- bildung auf die Kriegsschule zu schicken.*)

Die gesamte Rechtspflege erfuhr eine durchgreifende Umgestaltung nach französischem Vorbilde. 1808 wurde die Leibeigenschaft, 1809 das Lehnswesen aufgehoben. Das französische Civilgesetzbuch wurde auf dem rechten Rheinufer erst 1810 eingeführt(in Westfalen 1808).)

Auch den Jugendunterricht suchte sich Napoleon dienstbar zu machen. 80 verlangte er für die Stadt Düsseldorf fünf Sekundärschulen mit, Französisch, Lateinisch und Mathematik. i'berhaupt war er der Meinung, daſs die Jugend des Groſsherzogtums aus- nahmslos nach französischem Muster im Lande selbst oder besser noch in Frankreich erzogen werden müsse. Keinen andern Zweck verfolgte die in Düsseldorf zu gründende Universität. Ihr, wie dem bereits vorhandenen Kaiserlichen Lyceum derselben Stadt, sollte die Aufgabe zufallen, für die Verbreitung der französischen Sprache und französischen Wesens Sorge

zu tragen.)

¹) v. Sybel, Nachrichten über die Soester Familie Sybel, München 1890 p. 73.

²) 1809 1812 haben 600 Mann, 1813 allein 500 Mann grofsherzoglicher Truppen ihre Fahnen verlassen; vgl. Harless, Aus Hückeswagens Vorzeit, Z. d. B.-G.-V. 25, 47 48.

³) Vgl. Goecke p. 45. Im Königreiche Westfalen war 1½1 der Offziere Franzosen. S. id. Das König- reich Westfalen, Düsseldorf 1888 p. 85.

4) Obgleich die Verordnung des Kaisers schon am 12. Nov. 1809 von Fontainebleau aus erlassen war. Vgl. Napoleons Gesetzbuch, einzig offizielle Ausgabe für das Grofsherzogthum Berg. Düsseldorf 1810 p. 1 und

443; Goecke p. 37 ff. ³) Goecke p. 44. Glücklicherweise kam es zur Gründung der Universität nicht.