Aufsatz 
Die Entwickelung der deutschen Orthographie bis zur Gegenwart mit Rücksicht auf das von der Schule zu befolgende Prinzip / Leimbach
Entstehung
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3) Gegen offenbare Willkürlichkeiten in der Orthographie, durch welche die Wörter ihren natürlichen Wurzeln und damit ihrem organiſchen Zuſammenhang mit der geſamten Sprachenfamilie entfremdet und entzogen werden, hat ſie nach der hiſtoriſchen Grammatik Verbeßerungeneintreten zu laßen.

4) Dieſe Verbeßerungen müßen mit großer Vorſicht, d. i. mit äußerſter Mäßigung vorge⸗ nommen werden, damit nicht eine bis zur Unkenntlichkeit neue Schreibung an Stelle der bis⸗ herigen feſtgewurzelten trete.

5) Die am nächſten liegenden und am leichteſten ausfürbaren Verbeßerungen ſind:

a) Beſchränkung der Majuskel, ſo daß alle von Perſonennamen abgeleiteten Adjektiva, welche generelle Bedeutung haben, auch die von Orts⸗ und Volksnamen abgeleiteten Adjektiva, ferner alle Pronomina und Numeralia, ſowie die adverbialen Verbindungen des Adjektivs mit einer Präpoſition mit kleinen Anfangsbuchſtaben geſchrieben werden.

b) Beſchränkung der Dehnungszeichen, und zwar gänzlicher Wegfall des h im Auslaut und Zurückführung des th auf einfaches t in allen den Wörtern, in welchen es nicht hiſtoriſche Berechtigung hat. 5⁴)

(Raumer: In ſchwankenden Fällen iſt die einfachſte Schreibung des langen Vokals vorzuziehen: Feme, gären, drönen, ſtönen, bares Geld ꝛc. Dasſelbe gilt von den Fällen, die zwiſchen t und th ſchwanken. Letzteres iſt im Neuhochdeutſchen nur eine Bezeichnung der Vokaldehnung. Wo dieſe jetzt gar nicht eintritt, iſt das th unbe⸗ dingt zu verwerfen: Turm, Wirt. Wo die Schreibung ſchwankt, iſt die mit t vorzuziehen: Abenteuer, Miete, Armut, Bluͤte ꝛc. Wenn ich aber noch einen Schritt weiter gehe und vorſchlage, das auslautende th noch mehr zu be ſchränken und es wo möglich ganz zu beſeitigen, ſo berufe ich mich auf den Vorgang eines Dichters, der mehr als andere auf die Reinheit ſeiner Reime gehalten und eben deshalb nicht gewollt hat, daß ſie durch eine verworrene Rechtſchreibung den Schein der Unreinheit erhielten. Platen ſchreibt Mut, Wut, Not. Die herkömmliche Ortho⸗ graphie ſchneidet hier durch ihre willkürlich verſchiedene Schreibung die reinſten Reime auseinander. Man ſchreibt gut (mhd. guot), Blut(mhd. bluot) und daneben Muth(mhd. muot), Wuth(mhd. wuot). Man ſchreibt Schrot und daneben Noth; roth(ruber), das den dritten reinen Reim dazu bildet, wird jetzt ſchon häufig rot geſchrieben. Ich glaube nic Bie3 man lange allein bleiben wird, wenn man Wut, Not, rot und die davon abgeleiteten Wörter mit bloßem reibt)..

c) Die hiſtoriſch richtige Schreibung der S⸗Laute.(Vgl. S. 11 oben).

(Hierfür ſpricht noch beſonders die außerordentliche Einfachheit dieſer Schreibung gegenüber der gekünſtelten, ſprachmacheriſchen von Gottſched⸗Adelung, ſo daß ſchon allein das pädagogiſche Intereſſe uns für dieſelbe beſtimmen müſte. Das Heyſe'ſche ſs[abgeſehen vom Auslaut] richtet nur Verwirrung an und entſtellt ſogar die Abſtammung).

) Die Geltendmachung der Reduplikation in den Wörtern fieng, gieng, hieng.

c) Die richtige Schreibart in den Wörtern: du muſt(mhd. muo-zi-st), muſte, gemuſt, du weiſt(wei-zi-st), wuſte, gewuſt; gröſte(mhd. gro-zi-ste), beſte(mhd. be-zzi-ste), in welchen durch Synkope das ſ weggefallen iſt.

f) Einkleidung der einigermaßen eingebürgerten Fremdwörter in deutſches Gewand, nament⸗ lich gleichmäßige Schreibung der erborgten Verba mit der deutſchen Endung ieren.

(Sowol mit Rückſicht auf das hiſtoriſche Recht es iſt die altfranzöſiſche Endung ier, lat. iare oder igare, und ſchon in alter Zeit als eingebürgerte Bildungsſilbe gleichmäßig bei allen derartigen Wörtern mit dem Doppellaut in Gebrauch als auch in Hinſicht auf die Vereinfachung und Gleichförmigkeit, worauf bei der Orthographie doch beſonders geſehen werden muß, ſollte man ſich hierzu entſchließen).

g) Iſt die Schreibung ſchwankend, ſo erhält die hiſtoriſche Schreibung den Vorzug, zum mindeſten wird ihre Berechtigung neben der gewönlichen anerkannt 5).

(Hierauf iſt ein Hauptgewicht zu legen. Man gelangt ſo zu einem neutralen Gebiet, wohin alles das gehört, was berechtigt iſt, in zweifacher Form aufzutreten. Nur ſo wird ſchließlich der orthographiſche Frieden herzuſtellen ſein).

54) Hier würden wir auch eine Beſchränkung der konſonantiſchen Gemination anſchließen, nem⸗ lich Wegfall derſelben vor t, z. B. nimt, konte ꝛc., wenn wir nicht alle Urſache hätten, uns bei unſeren Verbeßerungs⸗ Vorſchlägen vorerſt der allergröſten Mäßigung zu befleißigen; doch könnte ſchon mit den Hilfszeitwörtern ſollen und wollen der Anfang gemacht werden. Als ſelbſtverſtändlich aber wird vorausgeſetzt, daß der auslautende Stamm⸗ konſonant vor auslautenden ſt und t in Subſtantiven und deren Ableitungen nie verdoppelt wird, alſo Geſpinſt, Ge⸗ winſt ꝛc. ebenſo gut wie Gunſt, Kunſt ꝛc.; ferner: daß beim Zuſammenſtoßen von drei gleichen Konſonanten einer weggelaßen wird, wenn nicht für die beiden erſteren ein beſonderes Doppelzeichen üblich iſt; alſo Schiffahrt, Bettuch, Schnelläufer, aber Packkammer, Rückkehr ꝛc.; endlich: daß auslautendes h vor der Nachſilbe⸗heit wegfällt in: Hoheit, Roheit, Rauheit, ſowie ſt vor ſt: ſelbſtändig.

55) Für dieſen Zweck tun orthographiſche Wörterbücher die beſten Dienſte.