beſtrebungen der hiſtoriſchen Schule“ bezw. der„orthographiſchen Frage“. Er ſagt:„Die Sprach⸗ lehre hat nur eine einzige Richtſchnur, den Sprachgebrauch. Adelung hat dieß ganz richtig erkannt, und er iſt hierin der hiſtoriſchen Schule, und namentlich auch Jakob Grimm, warhaft überlegen.“ Weiterhin nennt er den Sprachgebrauch, der unſere gegenwärtige Sprache beſtimmt, „die ſchöpferiſche Kraft, die die Sprache von der Urzeit an gebildet hat“. Die Stellung der hiſtoriſchen Schule zur Sprache der Gegenwart ſieht er als einen Ausfluß von Grundanſchauungen über das Weſen der Sprache im ganzen an.„Die philoſophiſche Schule ebenſowol, als die hiſto⸗ riſche, ſagt er, betrachtet die Sprache als ein Naturprodukt, wenn auch in verſchiedenem Sinne. Dieſer Vorſtellung von der Sprache als einem Naturprodukte gegenüber muß eine wirklich und geſchichtlich in ihren Veränderungen beobachtete Sprache als Kunſtprodukt, als Erzeugnis der Willkür erſchienen; eine Veränderung, von der wir nachweiſen können, wann ſie zuerſt eingetreten, und wol gar, wer ſie zuerſt veranlaßt oder doch in die Literatur eingeführt hat, ſcheint ein Ein— griff in die Naturgeſtalt des ſprachlichen Organismus zu ſein. Allein dieſe Anſicht von der Sprache als Naturprodukt, ſamt dem Gegenſatze des Künſtlichen oder Unorganiſchen iſt unrichtig. Die Sprache iſt Produkt der Entwickelung; und dieſe Entwickelung iſt eben das, was wir als Abweichung von dem Früheren, als Verfall der ehemaligen Geſtaltung gewaren. Ohne dieſe Anſchauung von dem niemals abgeſchloßenen, ſondern in ewiger Bildung und Schöpfung begriffenen Wachstum der Sprache, muſten manche Anhänger der hiſtoriſchen Schule begreiflicherweiſe dahin geraten, für einen Auswuchs zu halten und zu beſeitigen, was ſie in Wirklichkeit für einen neuen Keim erkennen ſollten“.
Die„Entwickelung“ der Sprache wird gewis niemand beſtreiten; aber daß jede Entwickelung ein Fortſchreiten zum Höhepunkte ſein müſte, läßt ſich doch nicht behaupten, denn es gibt auch in der Sprache eine Entwickelung von der Höhe zur Tiefe, zum Ende— und das iſt eben ihr Ver⸗ fall. Die unſerer Schriftſprache eingeflochtenen Willkürlichkeiten der Grammatiker haben doch warlich nichts mit dem„in ewiger Bildung und Schöpfung begriffenen Wachstum der Sprache“ zu tun. Und wenn dieſelben in der klaſſiſchen Periode unſerer Literatur durch die Schulen und Druckereien allgemeine Verbreitung und in den Werken unſerer Dichterfürſten Eingang gefunden haben, ſo ſind ſie doch damit gewis nicht klaſſiſch geworden. Da ſagt O. Vilmar ſehr treffend*⁸):„Die Aufſtellung der jetzt gangbaren Orthographie war einſt ein Zeichen, daß der Zuſammenhang mit der früheren Entwickelung unſerer Sprache vollſtändig verſchüttet und abgebrochen war— jetzt ſind wir dieſes Zuſammenhangs wißenſchaftlich wieder mächtig geworden, wenn gleich freilich das Bewuſtſein davon im Leben unwiderbringlich verloren gegangen iſt. In dem Bewuſt⸗ ſein dieſes Zuſammenhangs der Sprache mit früheren Entwickelungsſtufen liegt aber ein Damm gegen die immer mehr einreißende Abgeſtumpftheit und Abgeſchliffenheit der Sprache. Man ſchlage dieſe Abſtumpfung der Sprache nicht zu gering an: in der Sprache offenbart ſich der Charakter des Volkes; je roher und ſtumpfer die Sprache wird, je mehr die Bedeutung der Worte vergeßen wird und dieſe zu einem bloßen Klang und Schall werden, je roher und ſtumpfer wird auch das Volk. Ein kleiner Anfang aber, das Bewuſtſein der Sprache, ſo weit es noch möglich, zu retten und zu erhalten, wäre die Wiederherſtellung der geſchichtlich berechtigten Orthographie“.
Dr. Daniel Sanders, bekannt durch ſein Wörterbuch ¹⁹⁴) und die darin genommene Stellung zu Jakob Grimm, muſte natürlich auch in der orthographiſchen Frage als Gegner der hiſtoriſchen Schule auftreten. Im Vorw. zu ſeinem„Katechismus der deutſchen Orthographie“ (3. Aufl. Lpz., Weber. 1873) erklärt er:„Meinen Standpunkt in Behandlung der Orthographie und der Sprache überhaupt würde ich gern als den geſchichtlichen bezeichnen, müſte ich nicht die Misdeutung befürchten, zu der ſog. oder doch wenigſteus ſo ſich nennenden hiſtoriſchen Schule gezält zu werden, die doch die lebendige Fortentwickelung der Sprache verkennt, indem ſie die heutige nach der früheren modeln zu können wähnt und ſo in der Orthographie z. B. unſere deutſchen Buchſtaben, wie ſie in und mit der Sprache ſich entwickelt haben, ferner die großen Anfaugsbuchſtaben der Hauptwörter, die Dehnungsbuͤchſtaben ꝛc. verbannen will, ohne zu erwägen, daß, ſchon vom äußerlichſten Standpunkte aus, dem entwickelteren Körper das Gewand des Kindes
48) A. a. O. S. 7. 49) Wörterbuch der deutſchen Sprache. Mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart. Leipz. 1860— 1865.
3


