Die Entwickelung der deutſchen Orthographie bis zur Gegenwart mit Rückſicht auf das von der Schule zu befolgende Prinzip.
Von jeher hat die deutſche Orthographie?) den Lehrern nicht geringe Schwierigkeiten bereitet,
ſo daß ſie von nicht wenigen als ein wahres Kreuz empfunden und benannt worden iſt. Und warum ſollte ſie das auch nicht ſein, wenn es mit ihr ſo beſtellt iſt, daß ein namhafter Schulmann (Harniſch) den Ausſpruch tun konnte:„Die gemeine Rechtſchreibung iſt ein ſehr zottiges Ding, worin ſich auch wol große Leute verirren.“ Woher aber kommen dieſe Schwierigkeiten? Man ſollte doch meinen, der Gegenſtand ſei ſehr einfacher Natur. Das würde er auch wol ſein, wenn nicht unſere beſtehende Rechtſchreibung den Charakter der Zeit, in der ſie ihre Ausbildung empfieng, ſo tief— man möchte faſt ſagen unver⸗ lierbar— eingedrückt bekommen hätte; denn wer auch nur ein wenig dem Gegenſtande ſeine Auf⸗ merkſamkeit zugewendet hat, muß jenem„wackern Sprachforſcher“, auf den Harniſch ſich beruft, beipflichten, der da ſagt, man könne es der Rechtſchreibung anſehen, daß ſie ſich zur Perrückenzeit ausgebildet habe, denn ſie trage, gleich den Perrücken, viele Kräuſeln und gewickelte Hare, und das ſei alles fremdes Gut.“
Somit ſind es die Sprachmacher aus der Perrückenzeit, die uns und unſern Schülern die orthographiſchen Schwierigkeiten bereitet haben, auf ſo lange wenigſtens, als der herſchende Schreib⸗ gebrauch uns zwingt, ihre Willkürlichkeiten uns dergeſtalt einzuprägen, daß ſie unſer unverlierbares Eigentum werden. Gilt es doch bis auf den heutigen Tag als ein Zeichen von„Bildung“, daß jemand alle die Schnörkel und Zöpfe, wie ſie unſerer, Orthographie vor hundert Jahren ein⸗ gewoben und eingeflochten wurden, getreulich nachmacht.
Was dieſe Seite der Orthographie anlangt, iſt ſie warlich der Mühe nicht wert, die man auf ſie in Schulen verwendet, es ſei denn, daß man mit Recht die ſtrenge Gewönung des Schülers an gewiſſe Willkürlichkeiten für einen bedeutenden Gewinn zu halten verbunden wäre. Unſeres Erachtens hat der Schüler jedoch hierdurch für ſeine wahre Ausbildung gar nichts gewonnen. Darum würde die Zeit und Mühe, welche wir auf die willkürliche Orthographie, wie ſie bis jetzt noch in Uebung iſt, verwenden müßen, viel beßer angewendet ſein, wenn wir ſtatt deſſen Uebungen im Denken mit den Schülern anſtellten. Oder ſollte es noch einem Zweifel unterliegen, welchem Schüler der Vorzug gebüre, dem, welcher einen nach landläufigen Begriffen orthographiſch richtig geſchriebenen Aufſatz bringt, in welchem aber wenig Gedanken, oder wenn auch Gedanken, ſo doch keine logiſche Ordnung zu treffen iſt, oder dem Schüler, deſſen Aufſatz nach hergebrachter Anſchauung ſehr unorthographiſch, aber gedankenreich und logiſch wol geordnet iſt? Wenn darüber überhaupt noch ein Zweifel obwalten koͤnnte, ſo dürfte wol allein ſchon der Hinweis auf Preußens„großen Friedrich“ die Frage zu unſeren gunſten entſcheiden.
Sehen wir aber von Zopf und Perrücke, d. i. von den uns ſeit der Perrückenzeit aufge⸗ bürdeten Sprachmachereien und Willkürlichkeiten ab, halten wir uns an die eigentliche Orthographie,
1) Der deutſche Name„Rechtſchreibung“ deckt ſich, obgleich die ziemlich wörtliche Ueberſetzung nicht beſtritten werden ſoll, doch nicht vollſtändig mit dem Fremdworte, da man mit letzterem jede Art der Wortſchreibung, ſie ſei gut oder ſchlecht, willkürlich, unhiſtoriſch oder wie ſonſt, begreift, was mit dem Ausdrucke„Rechtſchreibung“ nicht der Fall iſt. Darum zieht ſchon Adelung in ſeiner„deutſchen Orthographie“ das Fremdwort vor. Unterſcheidet man, wie einige das tun(Harniſch, Wander, Dieſterweg, Kellner) Rechtſchreibung und Andersſchreibung, ſo tritt dieß noch mehr in die Augen, ſo daß in dieſem Falle die Rechtſchreibung zur Orthographie ſich verhalten würde, wie der Teil zum Ganzen.
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