— 15⁵
8
Wie steht es in der Fremdenlegion des Cyrus mit der Diseiplin?
Mit den Soldverhältnissen und dem Charakter des Griechenheeres als einer Lands- knechtstruppe hängt die Disziplin oder vielmehr der Mangel an Disziplin eng zusammen.
Unsere Kriegsartikel nennen als eine der ersten Pflichten des Soldaten„Gehorsam gegen den Vorgesetzten“ und stellen alle Verstösse gegen diese Pflicht, von der einfachen „Gehorsamsverweigerung“ bis zum„thätlichen Angriff auf einen Vorgesetzten“ unter strengste Strafen. Denn„die Leistungen des Soldaten werden nur dann völlig nutzbar sein, wenn sie nach dem Willen der Führer geleitet und durch die Manneszucht geregelt sind. Wohl kann der Soldat das Marschieren und die Handhabung der Waffen durch Übung erlernen. Aber nur im Laufe der Zeit kann die Manneszucht erreicht werden, welche den Grundpfeiler der Armee, die Vorbedingung für jeden Erfolg bildet und welche für alle Verhältnisse mit Energie begründet und erhalten werden muss.“!) Das Schicksal der Buren in Südafrika hat erwiesen, dass persönliche Tapferkeit und gutes Schiessen nicht ausreichen, um dauernde Erfolge im Krieg zu erreichen.
Wir haben bereits gesehen, dass der Gehorsam des griechischen Söldners im selben Augenblick aufhört, wo sein Lohn ausbleibt oder nicht in der gewünschten Höhe bezahlt wird. Als Klearch einmal versucht, seinen Willen durchzusetzen und seine Leute zu zwingen, kostet es ihm beinahe das Leben; seine Soldaten werfen nach ihm mit Steinen, sodass er nur mit genauer Not dem Tod entgeht. Unsere Kriegsartikel bestrafen einen derartigen Angriff gegen einen Vorgesetzten mit Festungshaft nicht unter 10 Jahren bis zu lebensläng- licher Dauer und unter besonderen Umständen sogar mit dem Tod. Und Klearch?— Er ruft seine Soldaten zusammen und— weint eine Zeit lang vor versammelter Mannschaft, 2därds odv J6vO, Ser6c. Man denke sich diese Szene: Ein General steht vor der Front und heult, weil seine Soldaten am Tage vorher ihn beinahe tot geworfen haben.— Es ist übrigens nicht das einzige Mal, dass gerade Klearch einem thätlichen Angriff ausgesetzt ist: im Lager bei Charmande mischt er sich in einen Streit zwischen seinen Leuten und Soldaten Menons und prügelt dabei einen der Gegner. Die Folge davon ist, dass ein Kamerad des Geschlagenen, als Klearch durchs Biwak reitet, ihm sein Beil nachwirft, was die Zeugen des Vorfalls eben- falls veranlasst, nach dem davonsprengenden orpatiνæ mit Steinen zu werfen. Nur die Da- zwischenkunft des Cyrus verhütet eine allgemeine Schlägerei zwischen beiden Truppenteilen.
Wie wenig fest begründet und wie rasch veränderlich übrigens das Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen ist, zeigt sich bei der Heeresversammlung in Tarsus.
Einer der Soldaten, der den Rückmarsch nach Griechenland empfiehlt, meint ganz kaltblütig:„Wenn Klearch uns nicht zurückführen will, dann wählen wir sofort andere Führer“ (3. 14). Erscheint uns ein solcher Vorschlag schon mehr als seltsam, so ist die Antwort Klearchs darauf für unsere Begriffe geradezu unfassbar: er erklärt, er werde demjenigen, den die Soldaten zum Führer wühlen würden, den pünktlichsten Gehorsam leisten, xsioοwa † Dvby b⁴ora(3. 15), damit sie sähen, dass er ebenso gut zu gehorchen, ο ένκο˙παν sich kommandieren zu lassen, gelernt habe wie irgend ein anderer.
Eine höchst merkwürdige Form des Verkehrs zwischen Offizieren und Mannschaften ist die sνεοσα, d. h. eine Mannschaftsversammlung, bei der regelrechte Debatten geführt, Beschlüsse gefasst und Ausschüsse gewählt werden. Welche Rolle bei einer solchen Versamm- lung der atparilo unter Umständen spielt oder spielen muss, zeigt am besten Klearchs Ver-
1) Felddienst-Ordnung. Einleitung S. 9.


