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zu meiner Kenntnis, gut, dann kann ich es zur Bereicherung meines Wissens, zur Vervoll- ständigung meiner Anschauung, zur Vervollkommnung des Bildes, das ich bis dahin gewonnen habe, verwerten. Steht etwas überhaupt nicht in der Anabasis,— es kommen hauptsächlich die vier ersten Bücher und auch diese mit Auslassungen einiger Stellen in Betracht— so hat es zunächst für mich überhaupt keinen Wert. Ich kann sehr wohl in IIb beim Abschluss der Xenophonlektüre die Anschauung, die meine Schüler vom Heere der 10000 gewonnen haben, wenn es möglich und nötig erscheint, durch ergänzende und erläuternde Mitteilungen aus andern Schriftstellern und aus Werken über das Kriegswesen des Altertums ergänzen.¹) Vorderhand, beim Rückblich auf das erste Buch, müssen sich meine Schüler begnügen mit dem, was sie sich selbst erarbeitet haben, was sie selbst im Laufe der Lektüre ermittelt und mit mir oder ohne meine Leitung zusammengestellt haben.—
Die Hauptsache bei derjenigen unterrichtlichen Thätigkeit, die sich bemüht, dem Schüler ein gewisses Verständnis und möglichst klare Einsicht in Einrichtungen und Zustände des Altertums zu verschaffen, ist die Auschauung. Wie das Wort besagt, kommt es darauf an, den Gegenstand der Betrachtung so vor das geistige Auge des Schülers zu stellen, dass er ihn„anschauen“, überhaupt schauen kann, dass er sich, wie unser Ausdruck dafür lautet, „ein Bild davon machen“ kann.
Die rein äusserliche Aneinanderreihung der Angaben des Schriftstellers genügt hier- zu allerdings nicht. Es gehört ihre gegenseitige Verknüpfung und Verbindung dazu, eine Ver- gleichung mit anderen ähnlichen Stellen, die Verschmelzung gleichartiger Angaben und die Lösung scheinbarer oder Aufklärung wirklicher Widersprüche. An Frische und Lebenswahr- heit wird die Betrachtung gewinnen, wenn ich bei der Beschreibung von Zuständen und Ein- richtungen des Altertums, wie sie uns die Klassiker geben, eine Beziehung herzustellen suche zu entsprechenden Zuständen und Einrichtungen unserer Zeit, wenn ich auch hier stets„ver- gleiche“, d. h. nachweise, dass und inwiefern sich in der einen Hinsicht Altertum und Jetzt- zeit gleichen, und ob und worin sie verschieden sind, und schliesslich mit Hilfe der Ermittlung von Ursache und Wirkung, Grund und Folge zu erkennen suche, warum dies und das im Altertum und heute sich gleicht, jenes aber verschieden ist. In diesem Sinn be- trieben bietet die Betrachtung des griechischen Heerwesens, wie es von Xenophon geschildert wird, vielfach Gelegenheit zu fruchtbarer Vergleichung?) mit dem Heerwesen der Römer, das durch die Cäsarlektüre dem Schüler bis zu einem gewissen Grade bekannt ist, mit dem Heer- wesen des Mittelalters und der Zeiten des 30 jährigen Krieges, der in Obertertia behandelt wird, und mit dem Heerwesen unserer Zeit, wie es sich seit den Zeiten der Freiheitskriege auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht entwickelt hat, und wie es in seinen wichtigsten Formen dem künftigen Vaterlandsverteidiger einigermassen bekannt sein wird. Ist dann noch die Möglich- keit gegeben, die Kriegführung des Altertums zu erläutern an gleichzeitigen Kriegerischen Er- eignissen, wie sie der Burenkrieg in Südafrika und die Wirren in China brachten, so müsste ein Schüler doch schon sehr geringes Interesse für eine vergleichende Betrachtung geschicht- licher Thatsachen zeigen, wenn hierbei seine Aufmerksamkeit und seine Teilnahme versagt.
Zur Erläuterung der Angaben Xenophons werden wir uns selbstverständlich aller der- jenigen Hilfsmittel bedienen, die uns eine immer mehr leistende Lehrmittelindustrie bietet. Nichts vermag die geistige Anschauung, das Verständnis des Schülers mehr zu fördern als die Betrachtung einer körperlichen oder bildlichen Darstellung: Modelle, Bilder und Landkarten,
1) Allerdings glaube ich kaum, dass es sich ermöglichen lässt, Xenophons Bedeutung als Feldherr auch nur einigermassen so klar zu machen, dass sie Köchly-Rüstows Urteil über ihn als berechtigt erkennen können. — 2) Vergl. Schiller. Handbuch der Päd. S. 512. Ihm a. a. O. S. 10 u. 11.


