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können wir uns und unsern Schülern nicht anders deutlich machen, als indem wir die über- lieferten Nachrichten aus der Anschauung des eignen Lebens heraus mit Leben zu erfüllen suchen; dadurch aber, dass wir die gegenwärtigen Formen mit denen der Vergangenheit vergleichen und sie im Kusseren verschieden, im Kerne oft wunderbar übereinstimmend finden, lernen— und lehren— wir, in der verwirrenden Mannigfaltigkeit der modernen Welt das Ausserliche und Zufällige vom Notaendigen und Wesentlichen zu trennen. Und das ist doch wohl, was man „verstehen“ heisst.“¹) Es wäre sehr wünschenswert, dass alle diejenigen, die sich für berechtigt, befähigt und berufen halten, immer wieder den Unterrichtsbetrieb des humanistischen Gym- nasiums anzugreifen, weil er den„modernen Anforderungen“ nicht mehr genüge, durch Schriften wie die von Cauer sich erst belehren lassen wollten,„dass die Beschäftigung mit Römern und Griechen, eben indem sie gründlich einzudringen sucht, den Sinn für die Wirklichkeit unseres eigenen Lebens nicht erstickt, sondern erweckt und steigert.“ ²)
Von demselben Gesichtspunkt aus waren die wertvollen„Materialien zur Herodotlelctüre“ gesammelt, die„mit Feücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinn des ereiehenden Unterrichts“ Prof. Dr. Helm als Beilage zum letzten Jahresbericht unserer Anstalt zusammengestellt hat. Die Sätze, in denen dort ³) der Zweck der Arbeit bezeichnet ist, sollen auch für die folgenden Ausführungen gelten. Es soll„vorzugsweise dem Elternhause, sowie den Freunden des humanistischen Gymnasiums und auch weiteren Kreisen ein Einblich geboten werden in die geistige Werkstätte der Schule. Sie alle können eine Anschauung geivinnen, wie etwa heutzutage ein Schriftsteller des klassischen Altertums mit den Schülern in Hinsicht auf seinen Inhalt und dessen pãdagogische Verwertung gelesen werden! kann.“ ³)
Meine Ausführungen machen nicht den Anspruch, neue Thatsachen zu bringen. Sie wollen weiter nichts sein als ein bescheidener Beitrag„aus der Praæis“.„Sie sind mir er- wachsen im Verkehr mit der Jugend aus dem Studium dessen, was für unsere Jugend Wissen- schaft ist oder 2ur Wissenschaft gemacht werden kann.“⁴¹) Wie diese Worte O. Jägers ver- standen sein wollen, ergiebt sich aus seinen einem Lehrer der alten Sprachen gegebenen An- weisungen:„Bei der Lektüre gieb, solange du kannst, dem Unterricht ein zentrales Interesse; empfiehl zu diesem Zweck Repetitionen unter einem bestimmten Gesichtspunket; denn vergiss nicht, dass deine Aufgabe ist, die Schüler studieren zu lehren.“⁵) Und sind es nicht„Quellenstudien“, allerdings in bescheidenem Masse und in einfacher Form, wenn der Tertianer oder Sekundaner unmittelbar aus den Werken der alten Schriftsteller die Kenntnis wichtiger Vorgünge der Ge- schichte oder beachtenswerter Zustände und Einrichtungen des Altertums schöpft?
Welchen Zweck und welchen Wert die Sammlung und Anordnung sachlicher oder sprach- licher Einzelheiten zur Bildung zusammenfassender Begriffsreihen hat, führt O. Willmann in seinen„pädagogischen Vorträgen“ folgendermassen aus:„Es lassen sich Namen, Zahlen, Worte so gut sammeln wie Schmetterlinge und Käfer, und statt des Glaskastens genügt dazu ein Heft oder bloss ein Schubfach des Gedächtnisses.“⁶) Wie sich diese sammelnde und ordnende Thätigkeit des Schülers gestalten würde, hat Schiller in seinem Handbuch der Pädagogik S. 512 angegeben:„Am Ende der Lektüre wird von den Schülern unter Anleitung des Lehrers das Ergebnis zusammengestellt und eingeprägt; der Geschichtsunterricht in Unter- bezw. Ober- sekunda hat Veranlassung, diese Quellenergebnisse für seine Zwecke zu verwerten, wobei die sich ungezwungen bietende Gelegenheit zur Wiederholung und Befestigung möglichst ausge-
1) Vergl. die Bestimmung des Lehrplans für die hessischen Gymnasien. S. 7.„Das Ziel des griechischen Unterrichts ist ein auf ausreichender Kenntnis der Grammatik beruhendes Verständnis der griechischen Litteratur.“ — 2) Gauer a. a. O. S. 37.— 3) S. 3.— 4) O0. Jäger. Aus der Praxis. S. 72.— 5) A. a. O. S. 24.— 6) S. 12.


