Aufsatz 
Die Schulen im Bistum Lüttich im 11. Jahrhundert / vom ... Dute
Entstehung
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Muſik.

Auch in dieſem Zweig der freien Künſte wird man St. Gallens Einfluß vorausſetzen dürfen. Dort wurde ſchon ſeit Karls des Großen Zeit der Kirchengeſang eifrig gepflegt; hier befand ſich in einem Käſtchen am Apoſtelaltar das vom Geſanglehrer Romanus c. 800 aus Rom mitgebrachte Antiphonar ¹), eine authentiſche Abſchrift des von Gregor am St. Petersaltar in Rom mit einer Kette befeſtigten Antiphonars ²), und ſicherte dem Gregorianiſchen Geſang in St. Gallen ſeine Reinheit.Dort ³) ertönten alltäglich in geordneter Abwechslung die ehrwürdigen Weiſen der alten Pſalmodien, da eröffnete in mitternächtlicher Stunde der Feierklang des Invitatoriums Venite exul- temus Domino den Dienſt der Nachtvigilien; da wechſelten die ausgedehnten faſt trauernden Melo⸗ dieen der Reſponſorien mit dem einförmigen Vortrage der Lectionen; da widerhallten in den Räu⸗ men des Tempels an Sonn⸗ und Feſttagen als Schluß des nächtlichen Gottesdienſtes die erhebenden Klänge des Ambroſianiſchen Lobgeſangs; da begannen mit der aufſteigenden Morgenröthe die Ge⸗ ſänge des Morgenlobs(matutina laus) aus Pſalmen und Antiphonen, Hymnen und Gebeten be⸗ ſtehend; ihnen folgten in abgemeſſener Unterbrechung die übrigen canoniſchen Tageszeiten; da ward das Volk täglich durch den Introitusgeſang zur Theilnahme an den heiligen Myſterien eingeladen; da hörte es in lautloſer Stille die um Erbarmung rufenden Töne des Kyrie, erfreute ſich an den Feſttagen am Geſange, einſt von den Engeln angeſtimmt; da vernahm es beim Graduale die Melo⸗ dien der Sequenzen, die in hochjubelnden Wechſelchören die damaligen Feſttage verherrlichten, und darauf die einfachen recitativ ähnlichen Klänge des Symbolums; da fühlte es ſich beim Sanctus hingeriſſen, in das Lob des Dreimalheiligen einzuſtimmen und die Erbarmung jenes göttlichen Lammes anzuflehen, das die Sünden der Welt hinwegnimmt; das waren die Geſänge, welche um die Mitte des 9. Jahrhunderts in der Kloſterkirche St. Gallens an feſtlichen Tagen ertönten.

Und nicht blos der Geſang, auch die Inſtrumentalmuſik fand in St. Gallen ihre Pflege. Tuotilo 915, der Schüler Iſo's, verſtand ſich auf alle Arten von Saiteninſtrumenten und Flöten und unterrichtete junge Edelleute in der Behandlung der erſtern 4). Von zwei anderen Schülern Iſo's, Notker der Stammler 912 und Ratpertus, aus einem adligen Geſchlechte aus Zürch, um 900, componirte der erſtere ſchon als Knabe geiſtliche Lieder und Geſänge) und ſpäter auf Bitten des Erzbiſchofs Ruodbert von Metz Hymnen zu Ehren des hl. Stephanus ⁵⁶); Ratpertus iſt der Verfaſſer des Gallusliedes*), das vom Volke über ein Jahrhundert lang mit Vorliebe geſungen wurde. Sein Schüler, Notker der Arzt 981 verfaßte das Othmarslied.

Auch Ekkehardt I. ³) 973 und deſſen Schüler Ekkehard II.*) der Höfling 990 werden als Componiſten genannt, und Notker Labeo 1022 ſchrieb das älteſte Buch über Muſik in deut⸗ ſcher Sprache ¹⁰).

Aus dieſem Kreiſe iſt Notker der Biſchof von Lüttich hervorgegangen, und wie St. Gallen damals in der Muſik für jeden Dichter und Componiſten geiſtlicher Geſänge in ganz Deutſchland muſtergiltig war ¹¹), ſo wird dieſer Biſchof bei ſeiner großen Fuͤrſorge für das Schulweſen auch die Muſik in ſeinem neuen Wirkungskreiſe nach St. Galliſchem Muſter gefördert haben. Daß dieſe Kunſt aber ſorgſame Pflege in den Lütticher Schulen fand, dafür ſprechen die Namen bedeu⸗ tender Componiſten.

Abt Heriger von Lobach verfaßte Antiphonen auf den hl. Ursmar und eine Hymne auf die Jungfrau Maria ²³). Sein Schüler Olbert von Gembloux componirte Antiphonen zu Ehren des St. Veronus und der hl. Waltrudis und wird als großer Muſikkenner gerühmt ¹⁸); der gelehrte

1) Ambros Geſch. der Muſik II., 69. 2) ibid 45. 3) Schubiger die Sängerſchule St. Gallens vom 8.12. Jahrhundert S. 25 cf. Ambros 98. 4) Ambros 102. 5) Cr. 95. 6) Ambros 99. 7) ibid. 8) Arx 272. 9) ibid. 273. 10) Hattemer, Denkmale des Mittelalters III., 586 die Abhandlung handelt 1. de octo tonis, 2. de tetrachordis, 3. de octo modis, 4. de mensura fistularum organicarum. 11) Am⸗ bros 101. 12) 7,137. 13) S. 8,541 vitas aliquorum sanctorum composuit et de gestis eorum in laude Dei secundum regulam musicae disciplinae, in qua multum valebat, dulcissime cantus modificavit. Der Graf Raginer und ſeine Gemahlin Hathuidis ſchenkten dem Kloſter Gembloux für eine Compoſition Olberts ein

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