Aufsatz 
Die Schulen im Bistum Lüttich im 11. Jahrhundert / vom ... Dute
Entstehung
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geleſen.

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Auch das Studium der deutſchen Sprache fand lange vor Luther in St. Gallen eine ſorg⸗ ſame Pflege und es erblühte hier eine ganze Literatur von Werken der Theologie, Geſchichte, Dicht⸗ kunſt, der Philoſophie*) und der Muſik ³). Die Geiſtlichen legten ſich mit Eifer auf die Aus⸗ bildung der Mutterſprache und machten ſie zum Gegenſtand ihres Studiums und Briefwechſels.

Notker Labeo 1022 ſchrieb in deutſcher Sprache außer ſeinem Tractat über Muſik und der erwähnten Ueberſetzung mathematiſcher Kunſtausdrücke noch eine Auslegung der Pſalmen, des Ariſtoteles, des Boöthius, des Martianus Minäus Capella, desgleichen zum Buch Hiob zu den Moralbüchern Gregors und einen Aufſatz über muſikaliſche Inſtrumente.

Was das Studium des Griechiſchen anlangt, ſo hatte ſchon Notker der Stammler 912 von ſeinen Lehrern Iſo und Marzell Unterricht in dieſer Sprache erhalten*), Notker Labeo und Ekkehard IV. laſen Homer und machten griechiſche Verſe*) und in der Schule wurde Sophokles

Auch die Künſte wurden gepflegt. Der Muſik iſt ſchon gedacht. Ekkehard II. Palatinus beſchäftigte die weniger fähigen Schüler mit Malen, Vergolden und Schreiben*); auch wird die Kunſt Bilder auf Purpur zu ſticken erwähnt*). Notker der Arzt zierte die Kloſterkirche und manche Bücher mit ſeinen Gemälden).

Das Studium des Rechts am Ende des 10. Jahrhunderts wird gleichfalls bezeugt).

Sogar eine Art Stenographie war damals in St. Gallen ſchon vorhanden, denn Ekkehard II. kannte das Geheimniß, alles was man ſprach, ebenſo geſchwind, als man es vorbrachte, mit gewiſſen Zeichen aufzuſchreiben).

Haben wir ſo einerſeits die Palaſtſchule des Erzbiſchofs Brun, andererſeits das Kloſter St. Gallen als die Quellen der Blüthe der Lütticher Schulen kennen gelernt, ſo müſſen wir noch auf eine dritte Quelle hinweiſen, aus welcher Lüttich ſchöpfte, das iſt

die Schule zu Rheims unter Gerbert.

Gerbert, der ſpätere Pabſt Sylveſter II., hatte um's Jahr 967 ſein Kloſter Aurillac in der Auvergne verlaſſen, um ſich in Spanien weiter auszubilden, und er ſoll hier in Cordova und Sevilla bei arabiſchen Lehrern Philoſophie, Mathematik und Naturwiſſenſchaft ſtudirt haben ¹). Er war ein Schützling und treuer Anhänger des ſächſiſchen Kaiſerhauſes. Otto II. übertrug ihm die Abtei Bobbio ¹¹), Otto III. ließ ſich von ihm im Griechiſchen und in der Mathematik unter⸗ weiſen*) und machte ihn zum Biſchof von Ravenna und ſpäter zum Pabſt ³); von ihm erging die erſte Aufforderung zu einem Kreuzzug ¹).

Hier intereſſirt uns Gerbert zunächſt in ſeiner Eigenſchaft als Lehrer. Nachdem er als Secretär des Erzbiſchofs Adalbero von Rheims zugleich mit der Leitung der Kathedralſchule betraut) worden war c 970, erlangte dieſe Schule bald ſo hohen Ruhm, daß die Schüler von weit und breit herbeieilten, unter ihnen der ſpätere König Robert von Frankreich ¹).

Ganz Gallien, ſagt Richer, erglänzte von ihm durchleuchtet wie von einem ſtrahlenden Lichte*).

Gerbert war unſtreitig der erſte Gelehrte ſeiner Zeit auf dem Gebiete der Mathematik, der Naturwiſſenſchaft und der Aſtronomie. 8

Er ſchrieb den Abacus; derſelbe beſtand aus arithmetiſchen Tafeln mit Regeln; dieſe Vielen unverſtändliche Schrift*) wurde im 11. Jahrhundert, wie wir ſehen werden, mehrfach commentirt.

Eine andere Schriftde causa diversitatis arearum in trigno aequilatero geometrice arithmeticeve expenso ³) enthält die Antwort auf eine Anfrage des Biſchofs Adelbold von Ut⸗ recht, ſeines früheren Schülers, über die Inhaltsberechnung eines gleichſeitigen Dreiecks. Von ihm rührt ferner her ein libellus multiplicationum und eine Abhandlung de numerorum divisione ³⁹).

1) Gfrör Greg VII., I., 666. 2) Torkel Geſch. der Muſik II. 301. 3) Cr. 93. 4) Arx 260 Anm. 5) Arx 273. 6) 268. 7) 276. 8) Gfrör Greg VII., I., 667. 9) Arx 273. 10) H. 6,560. 1) Hl. 6,561. W. 256. 12) H. 6,566. 13) H. 6,568. 14) H. 6,570. 15) H. 6,562. 16) H. 6,563. 17) W. 256. 18) H. 6,579. 19) H. 6,598. 20) H. 6,580. 2