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An St. Lambert ¹) ſowie in den bedeutenderen Kloͤſtern beſtanden Doppelſchulen, eine äußere für Laien und Weltgeiſtliche, eine innere für die Moͤnche. Dieſe Einrichtung findet man in allen berühmten Klöſtern jener Zeit z. B. in Rheims*), Cambray*), St. Gallen*) ſie wird außer bei St. Lambert noch in St. Hubert*), St. Lorenz*), Stablo*) und Lobach*) bezeugt und darf in Gembloux, St. Trond, St. Jakob und Bartholomä gleighfalls vorausgeſetzt werden.
Wenn ſich in dieſen Schulen nach langem Darniederliegen am Ende des 10. Jahrhunderts ein neues wiſſenſchaftliches Leben zu regen beginnt, das ſich im 11. Jahrhundert zu reicher Blüthe entfaltet, ſo liegt die Frage nahe, wodurch dieſes neue Streben veranlaßt worden iſt.
Die Arſachen des wiſſenſchaftlichen Aufſchwungs der Kütticher Schulen.
Wenn man fragt, von wem die Anregung zu dem wiſſenſchaftlichen Streben der Lütticher Schulen ausgegangen ſei, ſo iſt in erſter Linie der Erzbiſchof Brun von Köln zu nennen, der Bruder Kaiſer Otto's I. Derſelbe war in Utrecht bei Biſchof Balderich von ſeinem vierten Jahre an erzogen worden und hatte hier ſeine erſte Bildung erhalten; als ſeinen Lehrer im Griechiſchen verehrte er den Schotten Iſrael. Im Jahr 1040 erhob ihn, den kaum fünfzehnjährigen, ſein Bruder Otto I. zum Kanzler und Erzkaplan, und bald lag in feinen Händen faſt die ganze Ver⸗ waltung des Reichs, vor allem aber die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten. Aber mitten in ſeinen Geſchäfter faud er doch noch Zeit für ſeine geliebten Bücher, ſowie für den wiſſenſchaftlichen Verkehr mit den Meiſtern der Wiſſenſchaft, die von allen Seiten ſich hier zuſammenfanden. Ra⸗ therius, Liudprand, der Spanier Recemund, Biſchof von Elvira, wurden durch politiſche Ereigniſſe dieſem Kreiſe zugeführt, nahmen abrr während ihres Aufenthaltes daſelbſt an den wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen Theil; die Anweſenheit gelehrter Griechen benutzte Brun, um ſich in der griechiſchen Sprache, die ihm ſchon von Utrecht her vertraut war zu vervollkommnen.
Wieder gab es wie zu Karls des Großen Zeiten eine Palaſtſchule, an welcher Brun trotz ſeiner hohen Stellung ſelbſt als Lehrer wirkte. Zu dieſer Hochſchule drängten ſich viele Söhne der edelſten Geſchlechter, die je nach ihrer Tüchtigkeit ſpäter zu hohen Staatsämtern befördert wurden.
Im Jahre 1053 wurde Brun Erzbiſchof von Köln, und zugleich wurde ihm die Leitung des unruhigen Lothringens anvertraut. In dieſer Stellung ließ er es ſich angelegen ſein die zerrütte⸗ ten Kirchen Lothringens aus ihrer Verſunkenheit wieder aufzurichten; kirchliche und klöſterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit großter Sorgfalt gepflegt, und bald entfaltete ſich das rege literariſche Leben, welches von nun an Lothringen auszeichnete*). Zur Förderung ſeiner Pläne verwendete er die tüchtigſten Männer aus ſeiner Umgebung. Aus dieſem Kreiſe erhob er auf den Lütticher Biſchofsſtuhl den Everacrus 959— 971 ⁰).
Derſelbe hatte früher die Schule des Kloſters Lobach beſucht“*), welche neben Stablo und St. Troud ein Zufluchtsort deſſen war, was aus der karolingiſchen Blüthezeit der Gelehrſamkeit in jenen Gegenden noch übrig³) war. Am Hofe hatte er auch den Unterricht des Ratherius von Verona genoſſeu, der gleichfalls in ſeiner Jugend in Lobach erzogen werden war.
Sobald Everacrus ſein Amt augetreten hatte, legte er in den Klöͤſtern, wo ſolche noch fehlten, Schulen an und ordnete den Lehrern die ältern Schüler als Gehilfen bei*²). Er betheiligte ſich auch ſelbſt am Unterricht und ließ ſich die Mühe nicht verdrießen, ſchwierige Stellen wohl hundert⸗ mal zu erklären. Wenn ihn der Kaiſer an den Hof rief oder auf ſeinen Zügen mit nach Italien nahm, ſo unterließ er nicht, aus der Ferne die Lehrer durch Briefe oder Gedichte in ihrem weruſe aufzumuntern*). Bei ſo ſteter Fürſorge hatte er in kurzer Zeit bedeutende Erfolge aufzuweiſen*).
¹) S. 7,206,30.— 2) S. 8,593.— 3) S. 7,489.— 4) W. 180.— 5) S. 8,572.— 6) H. 8,123.— 7) S. 8,542.— 8) H. 7,195.— 9) Mit obigen Worten ſchildert Wattenbach die Wirkſamkeit Bruns. S. 208 u. 209 cf auch V. 172—173.— 10) S. 7,201.— 11) S. 4,731 u. S. 7,201 Anm. 8.— 12) V. 17.— 19 8. 7,201 scholas per claustra stabilire curavit.— 14) 8. 7,201,24.— 15) S. 7,202 Nec ante a tam praeclaro labore destitit, donec multos ex rudibus tam spiritualibus quam saecularibus disciplinis perfectos reddidit.


