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Gesichtspunkt bietet das Zukunftsbild in Ges. XIX und XX dar. Und wenn der Meister der Milde“, der, mit den Asen ‚aufgewachsen in Urverwandtschaft', der wehvollen Welt den Frieden zu bringen bestimmt ist, auch nicht mit Namen genannt wird, so ist doch durch die ganze Dichtung hindurch der Grundgedanke derselben, daß dieser Friede nur durch das einträchtige Zusammenwirken aller Kulturelemente, also auch des verschiedene derselben in sich vereinigenden und, vernünftig gefaßt, keines derselben ausschließenden Christentums, unter ‚ständigem Steigen von Stufe zu Stufe“— nennen wir's immerhin Darwinismus— erreicht werden könne, so unzweideutig und bestimmt ausgesprochen, daß nur die bornierteste Befangenheit im Bekenntnisse einerseits eine feindselige Stellung gegen das Christentum, die ausgesprochenste Feindseligkeit gegen das Christentum andererseits eine willkommene Bundesgenossenschaft in derselben wittern konnte.
56) Daß Hildebrand in dem ‚die richtige Lösung der Rätsel der Welte enthaltenden Spiegel, den ‚ein Mann von mittleren Jahren“ ihm hinhält,(XX 416— 429, also in vollen 14 unter circa 33000 Versenh) auch Dampfschiff, Lokomotive und Telegraph erblickt, hat die hohe Entrüstung des Nibelungenforschers R. v. Muth(Einleit. in das Nib.) erregt: ein beredtes Zeugnis für den alten Erfahrungssatz, daß Gelehrsamkeit nicht immer gleichbe- deutend ist mit warmherziger Empfänglichkeit für dichterisches Schaffen.
⁵⁰) Besonders erwähnenswert ist die schöne Episode, wie die Fischerin Sildrun, die ebenso kluge als treue Helferin Hildebrands in seiner Mission, die zu schwindelnden Höhen“ emporstrebende Schwanhild zur Erde herab- und den Empörer Ramwer zu seiner Pflicht zurückruft, wie auch vorher schon Hildebrand selber den Herzog Hakon an das durch den Enkel Jorek erweichte Herz des Herrschers von Drontheim zurückgeführt hatte, wobei wiederum ,die Göttergährung der ganzen Erde, die näher und näher auch Norweg kommeée“, das versöhnende Moment abgiebt. S. bes. Ges. XII, der auch in kurzen Zügen(v. 568— 663) die Geschichte des Wölsungenstammes und das Wirken seines Geistes in ihr selber aus dem Munde Schwanhilds ausführt.— Daß der Wülfing in allen diesen Wandelungen als ein neuer Odysseus erscheint, soll nicht bestritten werden.
⁴0) Der Zweikampf zwischen Hildebrand und Hadubrand ist im Anschluß an die Anm. II 55 mitgeteilte Stelle Ges. XXIII 317— 683 in einer der Reckenhaftigkeit des altdeutschen Sanges würdigen Weise zur Darstellung gebracht.— Zugleich möge diese Stelle Veranlassung geben, auf die Innigkeit des Naturlebens, wie es in unserer Dichtung mehrfach, hier in dem Verhalten Hildebrands zu der Schimmelstute, der schönen Malka“, in anderen Stellen zum Falken Feynald, zur Anschauung kommt, hinzuweisen. Besonders möchte ich allen denjenigen, welche das Hereinziehen darwinistischer Ideen in die Dichtung tadeln, die wunderbar ergreifende Stelle Ges. XIX 135— 180 zu recht aufmerksamer Betrachtung ans Herz legen. Und wenn am Schlusse des letzten Gesanges die ‚sonnenvergoldeten Sommerfäden“ als das Gewebe der grauen Schwestern dargestellt werden, die das alte Ge- schlecht die Nornen nannte, so dürfte wohl auch der rauheste Realist der Gegenwart sich der poesievollen Deutung dieser Erscheinung nicht verschließen, sondern mindestens die Berechtigung einer Dichtung anerkennen, die in den Worten des Nornengesanges austönt:
Der schuldvolle Schatz, Geheiligtes Haus,
Der die Geister vergiftet, Dich segnen versöhnt
Ist unsuchbar versenkt Die webenden Nornen, Im rauschenden Rhein. Die Welt zu erneun.
Der heilsame Hort So schießet nun fort, Wird hier nun behütet, Ihr Fäden des Schicksals, Bis die Größe der Väter Das Fülle der Macht will Begriffen das Volk. Vom Fels bis zum Meer.
d) Schlußbemerkung.
Nahezu 80 Jahre sind verflossen, seitdem W. Grimm die nordische Sage von den Nibelungen zum ersten Male in einer deutschen Zeitschrift(Zeitung für Einsiedler“, Heidelberg) erzühlte und, gleichsam als Kommentar dazu, eine Reihe von ,‚Gedanken, wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten“, und ‚über die Ent- stehung der altdeutschen Poesie und ihr Verhältnis zur nordischen“ veröffentlichte. Noch in demselben Jahre (1808) schickte der Romantiker de la Motte-Fouquèé sein Heldenspiel: ‚Sigurd der Schlangentöter“ mit einer enthusiastischen Widmung an Fichte, der im Winter vorher seine ‚Reden an die deutsche Nation’ gehalten hatte.— Und über ein halbes Jahrhundert später, nachdem inzwischen etwa 20 Nibelungentragödien das Licht der Welt, zum Teil auch der weltbedeutenden Bretter erblickt hatten, mußte der Historiker H. v. Treitschke in einer Betrachtung über Hebbels Nibelungen(Hist. u. polit. Aufsätze. Neue Folge, II. Teil, S. 741) sein Be- dauern darüber aussprechen, daß„jene jugendliche Naivetät des Naturlebens', die in dem Hebbelschen Drama allerdings, wenn auch noch sparsam, zum Ausdruck kommt, uns modernen Menschen so fremd geworden sei.


