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Sage von Krimhilds Rache“ geworden ist, so blieb eben diese Sage auf halbem Wege stehen, indem sie durch die Verbindung des gotischen Sagenkreises mit dem rheinfränkischen zwar einen Rächer an Krimhild(eben Hildebrand, den Waffenmeister Ditrichs von Bern) schuf, den Etzel dagegen ruhmlos weiterleben ließ, ohne in seinen Beziehungen zu Ditrich und Hildebrand einen beruhigenden Ausblick auf die Zukunft zu eröffnen, sowie umgekehrt der Norden den Leib Gudruns künstlich konservierte, um noch eine letzte Rache in Scene zu setzen, ebenfalls ohne Ausblick auf Erhaltung des ruhmreichen Geschlechts, was dann in anderer Weise durch An- knüpfung der Ragnarssaga versucht wurde.
Der Dichter der Gegenwart hat diesen Abschluß der deutschen Sage auf einem andern Wege versucht, und er konnte sich dabei zugleich der ersten und darum am besten beglaubigten geschichtlichen Überlieferung(Jor- danes, Getica, c. 49, der sich auf den an Etzels Hofe verkehrenden römischen Gesandten Priscus bezieht) an- schließen, wonach jene IlIdico(Hildico, Kosenamen für Hilde, wie Attila= Väterchen) am Morgen nach der Brautnacht unter dem Schleier in Thränen neben dem von einem Blutsturze betroffenen toten Etzel gefunden wurde. Indem er aber einen Etzel zeichnete, der zwar auch Gottesgeißel gewesen, aber ‚eine große Seele, die so klar und kühn aus dem kleinen Körper die Welt überschaut und auf schönere Wege die Völker zn führen den Fernblick hatte“, wie Krimhild ihm selbst(XVIII 660 ff.) nachruft, und indem er nun Krimhild jene Sühne an sich vollziehen läßt, mit der Signy und dann auch Brynhild(und Gudrun) die Schuld an das Schicksal ge- zahlt, zugleich aber auch diese Schuld als von den höchsten Gewalten vergeben darstellt, eröffnet er— und dies halte ich für das größte, bis jetzt litterarhistorisch noch nicht genügend gewürdigte Verdienst der Jordanschen Dichtung— jenen ‚beruhigenden Ausblick auf die Zukunft’ in dem durch die Sühne der Mutter eingeleiteten Läuterungsgang der die folgenden Generationen typisch vordeutenden Schwanhild.
In diesem Punkte liegt denn auch der wesentlichste Unterschied der Jordanschen Dichtung von der Wagners. Allerdings läßt auch Wagner an der Stelle des(ganz nach der Sage) in die Tiefe zurückgegebenen Ringes in dem Vermächtnis der Walküre eine erhabene Lehre als geistigen Ertrag seiner Dichtung zurück. Allein wir können nicht absehen, wem denn nun(denn auch für Wagner ist ja wohl Gudrun finis familiae) diese Lehre noch nützen soll. Die ganze Heldenkraft und Heldentugend der Wölsungen ist, wie die Götter, ins Nichts zu- rückgekehrt, und wenn nicht etwa die„‚Mannen’ die von der Walküre gemeinte ‚Welt’ darstellen sollen, so ist jener geistige Ertrag— pro nihilo.— Ganz anders Jordan, und damit geht er allerdings über die ursprüngliche Gestalt der Sage hinaus. Sein vom Fluche gereinigter Ring, der Andwaranaut, geht nicht, wie ,der Ring des Nibelungen’ in die Tiefe zurück; er wird für das vom Fluche gereinigte und zu einem neuen Leben geläuterte Wölsungengeschlecht das Symbol einer ebentfalls erhabenen Lehre, einer Lehre, welche sich als siegreich vor- dringende Macht in der Weltgeschichte erwiesen hat. Lassen wir dieselbe im dem S. 37 angedeuteten Gebete Schwanhilds(Ges. XXIII 290 ff.) folgen.
„Du droben in Walhall, den diese Wiege
Einst nackt hinaustrug in Not und Elend,
Auch deine Tochter ist tapfer geworden.
Du besiegtest den Lindwurm, sie sündige Lust. Dein Beispiel gebot's, und die besten der Menschen Lehrten mich lieben die Lasten des Lebens
Und durch Arbeit erwerben eigenen Wert. 0 höret mein Lallen, ihr Herzenslenker!
Laßt scheiden von mir als nichtigen Schatten Auch den letzten Neidrest der Nibelunge.
Ich träumte von Purpur, und trage Zwillich,
Von Diademen, und bin eine Dienstmagd,
Von der Liebe des Helden, und lausche gehorsam Seines herrlichsten Weibes leisestem Wink.
Mit Herz und Gemüt, ihr himmlischen Mächte, Bringt euch Schwanhild, die schwer erlöste,
Nun dar ihren Dank, daß sie Demut gelernt’.
⁵6) Auch Hildebrand, der Wülfing, ist ‚verwandt mit dem Wölsungenstamme“’(H. H. IX 147 ff. Vgl. Th S. 408 und das Volkslied von Hildebrand, W. Gr. HS. 287. YIfingar heißen die Wölsunge selbst Helg. Hund. I 5. 34. 48. II 3. 7. 45. von ihrem Wolfsleben im Walde; vgl. Wagner, Walküre I 1). Versuchen wir den allerdings von Jordan willkürlich verschobenen, nach meinem Dafürhalten aber der epischen 6konomie vollständig gerecht werdenden Stammbaum der Wölsunge und der davon abgezweigten Wülfinge(ersteren mit Einschiebung des degenerierenden Nibelungengeschlechtes) nach unserer Dichtung festzustellen.


