Aufsatz 
Die nordische Gestalt der Nibelungensage und die neuere Nibelungendichtung / von Landmann
Entstehung
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4) Das braune Haar Sigfrids ist in dem vielbesprochenen, mit Th S. c. 185 übereinstimmenden 22. Kapitel der VS. bezeugt. Daß Brunhild schwarzes Haar gehabt(vgl. oben S. 33), ist auch in der ThS., die das schwarze Haar Hagens und das blonde Gunthers zu verzeichnen für nötig erachtet, nicht erwähnt, wohl aber ist nach VS. c. 25 Atli, ihr Bruder, ‚groß und schwarzhaarig, stattlich und ein streitbarer Held'. Das schwarze Haar ist dem Germanen Zeichen des Barbaren, des Südländers, daher Brynhild in Helreid 2 ‚af Vallandi= von Welschland' angeredet wird.*) Das braune Haar Sigfrids würde also eine Mischung des Nordens mit dem Süden(vgl. hinn hünski, Sig. III. 4, 8, 18, 63, 64, hinn sudroeni, Sig. III. 4) bedeuten.

¹¹) Daß Jordan die Notiz(Heimskr. Sigurdar s. Jorsalâfari), wonach Kreuzfahrer zwischen 1107 u. 1111 im Hippodrom zu Konstantinopel aufgestellte eherne Statuen der Asen, Wölsungen und Giukungen gesehen, dazu benutzt, um die an sich widerwärtige Verbindung Krimhilds mit Etzel durch das nach Sigfridsage! XVI 445 ff. auf Bestellung der Königin Tacita gefertigte und nun in Etzels Besitz befindliche marmorne Standbild Sigfrids (Apollos) zu vermittem, ist gewiß ein recht glücklicher Gedanke des Dichters und keineswegs eine willkür- liche Zugabe.

48) Vgl. Anm. II 44 und über Knefred I 49.

49) Von besonderem Interesse ist die Parallele, die Etzel(XIII. 629 774) gelegentlich der Erwähnung des an seinem Hofe lebenden Kaplans Arius(als Vertreter des Arianismus, dem die germanischen Stämme der Völkerwanderung sich angeschlossen) zwischen dem germanischen Glauben und dem Christentum zieht. Vgl. Anm. II 57.

³0) Der sofort nach Etzels Tode eintretende Zerfall des Hunnenreiches wird durch den Streit seiner Söhne Erp und Eytil nach Drâp Niflunga trefflich vorbereitet. Der denselben schürende Bleda(der Blödelin des NL. und Blodlinn der Th S.), der freilich schon 444 gestorben, repräsentiert die ungebändigte Bestialität des asiatischen Steppenvolkes im Gegensatz zu dem durch die neuere Geschichtsforschung in ein wesentlich helleres Licht gerückten Attila, dem Jordan demgemäß auch andere als die gewohnten Züge verleiht. Ortlieb(NIL. 1328 u. ö.; ThS. nennt das Kind Aldrian) gehört bloß in die Dichtung. Der Name Bothel(Attilas Vater, dem nord. Budli entsprechend; das mhd. Bodelung ist ein Patronymicum wie Wölsung) steht für den geschichtlichen Mundioch oder Mundzuk, latinis. Manzuchius.

*¹) Das Verhältnis zwischen Hagen und Volker entspricht im ganzen dem in NL. und Th S. dargestellten, ist aber, für Hagen nach der Seite der Nibelungennatur, für Volker durch Verleihung jenes idealistischen Zuges, der ihm schon in derSigfridsage beigelegt ist(vgl. Anm. II 33), zu einem sich ergänzenden Gegensatz gerteigert.

³²) Beachtenswert ist hierbei die Einführung der aus der Edda bekannten Schwester Atlis, Oddrün(s. Anm. 153), für die Gunther schon XV 208 schwürmt und die ihm nun XVI 160. 470 als Gattin geboten wird.

53) NL. 1280, 2 ‚die wilden Peschenaere:. 1281, 1 f. Ein stat bi Tuonouwe lit in Osterlant, diu ist geheizen Tulne. Es ist ein alter Plan Hildebrands, dem Morde der Niblungen durch Beseitigung des Hauptschuldigen vorzubeugen; vgl. XIII 620. XV 326.

54) NL.. 1898. Th S. 379. In ThS. schlägt der Knabe Aldrian auf Grimhilds Anreizung dem am Tische sitzenden Hagen mit der Faust ans Kinn, worauf ihm Hagen das Haupt abschlägt und es Grimhilden an die Brust wirft. (In NL. folgt noch das des magezogen, in Th S. des fôstri!). In beiden Darstellungen ist diese That der eigent- liche Wendepunkt der Handlung.

*s) Erinnern wir uns an diesem Punkte noch einmal der oben(S. 7 f.) kurz dargestellten, nach S. 14 für die Weiterbildung der Nibelungensage im Norden vorbildlich gewordenen Sage von Sigmund und Signy. Die ge- meinsamen Motive sind:

a) Nötigung einer Tochter(Schwester) zu einem verhaßten Ehebunde.

b) Verräterische Einladung des Schwiegersohns(Schwagers) in sein Land.

c) Warnung der Braut bei der Vermählung wie bei der Ankunft.

d) Signy sendet dem Bruder das Wölsungenschwert, Gudrun die Harfe.

e) Signy giebt ihre Kinder zum Werke der Rache hin, Gudrun auch.

f) Signy stirbt mit dem ungeliebten Mann in dem brennenden Hause, Grudrun(nach der ursprünglichen

Fassung der Sage) auch.

Nun aber besteht der wesentliche Unterschied der oberdeutschen Sage von der nordischen(die ThS. ausge- nommen) darin, daß Krimhild nicht, wie dort Signy und Gudrun, Bruderrache an dem Gemahl, sondern Rache für den Mord des ersten Gemahls an dem Mörder Hagen und dann im Drange der Not auch an den Brüdern nimmt, was in konsequenter Durchführung des Charakters der Rachefurie auch die Ermordung Etzels und die Selbst- vernichtung der Rächerin zur Folge haben müßte. Und wenn die Geschichte in dem überlieferten Gerücht von der Ermordung Etzels durch dessen junge Frau in der Brautnacht der Ausgangspunkt zur Weiterbildung der

*) Vgl. W. Grimm, Heldensage, S. 6.