Aufsatz 
Die nordische Gestalt der Nibelungensage und die neuere Nibelungendichtung / von Landmann
Entstehung
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Zu II.

¹) Wagner scheidet also die in der Andwarisage in einander verfließende Riesen- und Zwergenwelt(Anm. I 15), indem er Alberich(dem Andwari entsprechend) als König der Nibelungen, seinen schwächeren Bruder Mime (nach Charakter und Bestimmung= Regin) zu dessen Diener stempelt, dem Fafner dagegen die Natur des Riesen verleiht, dem er in Fasold(der Name scheint der Thidrekssaga entnommen) einem dem Vater Hreidmar entsprechenden Gesellen beigiebt.

²) Das Motiv von der Erbauung der Götterburg entnimmt Wagner der Sn E.(Gylfaginning c. 42): Odin hatte eine mächtige Burg erbauen lassen und dem riesischen Baumeister auf dessen Verlangen Freya nebst Sonne und Mond als Belohnung versprochen. Dieses Versprechen aber hatte er gegeben, weil er hoffte, daß der Riese den Bau in der gesetzten Zeit nicht fertig stellen, also auch den Lohn nicht verlangen könnte. Aber das Werk wuchs gewaltig, und schon fürchteten die Asen, der Göttin der Schönheit und Liebe verlustig zu gehen. Da ersann Loki eine List, die Vollendung des Baues zu hintertreiben, die Götter achteten der Eide nicht mehr, und Thor zerschmetterte mit seinem Hammer des Riesen Haupt.*) An diesem Punkte setzt die kombinatorische Arbeit Wagners ein. Der Mord ist noch nicht geschehen; es gilt vielmehr, die Schuld auf die Riesen selber abzuwälzen. Dazu dient, wie in der Andwarisage das Gold Andwaris mit dem Andwaranaut, so hier der von Alberich geraubte Hort mit dem daraus geschmiedeten Ring. Wie dort Otr, so wird hier Freya als Objekt für die Abschätzung der Buße gestellt. Die Schmach, die die Göttin erdulden muß, versetzt die himmlische Familie in die höchste Wut, aber Wodan wehrt dem Morde. Da kommt ein weiteres, der Andwarisage entnommenes Moment zu statten. Der für ‚Freyas Blick schwärmende Fasold hat dem nur nach dem Golde geizenden Fafner den willkommenen Anlaß gegeben, durch Beseitigung des Rivalen den ganzen Hort für sich zu gewinnen. Alle Götter stehen entsetzte. Aber der Fluch ist vorläufig von ihnen abgewendet. Und nun schreitet die Hand- lung in den wesentlichsten Punkten in Übereinstimmung mit der Sage voran. Die Spaltung des einen riesischen Baumeisters in zwei entspricht dem dualistischen Zuge, der durch die ganze Sage hindurchgeht(vgl. Anm. 1 13, 24).

a) In sehr freier Umbildung der Sage setzt Wagner: 1) Wälse(= Wodan) und Sigmund in ihrem Wolfs- leben= Sigmund und Sinfiötli der VS.; 2) Hunding= Siggeir der VS. und Hunding der Helgilieder(und VS.); 3) die Esche in Hundings Halle= der Eiche in Wolses Saal, die nach Sigmunds Erzählung zum Stumpf ge- brannt ist.(Uber die Worte Wodans inbezug auf Hundings Nichttaugen für Walhall vgl. Helgakvida Hundings- bana II 37). Über Siglinde und Sigfrid s. Anm. II 5.

4) Vgl. Anm. I 31 am Ende.

) Das Verhältnis der Walküre zu Sigfrid erhält durch Wagner eine geistvolle Beleuchtung, wenn wir an- nehmen dürfen, daß er hierbei die vielgedeutete Stelle Helr. Brynh. 69 vor Augen gehabt habe, daß also für ihn der hugfullr konungr, der Brynhild in seinen Dienst genommen,= Agnar in Sigrdrifumâl, beide aber= Sig- mund zu setzen seien, wonach Sigfrid schon vor seiner Geburt zum Erwecker und Gemahl der Walküre bestimmt, das ‚ungum gram eida seldak also auf das Gelübde des Schutzes, den sie ,‚dem höchsten Helden der Welt in Siglindens ‚schirmendem Schoß angedeihen lassen will, zu beziehen wäre, das ungum in Str. 8 dagegen wieder auf Agnar im Gegensatz zu Hialmgunnar. Daß Siglinde(die Sigrlinn der Helgakvida Hiörvardssonar)= Signy, also Sigfrid= Sinfiötli, ist freilich eine starke Verschiebung der Überlieferung, dagegen vom mythologischen Standpunkte aus eine geniale Korrektur, die der Dramatiker auf dem Wege der unmittelbaren Zeugung, der Epiker(s. Anm. II 56) auf dem Wege der Vererbung durch mehrere Geschlechter vornimmt.

*) In Völuspà 7, 8, 25, 26(5, 6, 11, 12 nach der Redaktion von Müllenhoff, D. Alt. V 1) erfreuen sich die Asen auf Idafeld spielend am Golde, ‚bis dreie kamen der Thursenmädchen, übermächtige sehr, aus den Riesenlanden. Das weiß sie(die Wala) war der erste Krieg in der Welt, als sie die Gullveig mit Geren angingen und in der Halle des Hohen sie brannten, dreimal brannten die dreimal gebornec. Dazu Müllenhoff S. 97: Daß aber die Gullveig zu den Wanen gebörte und von ihnen ausgegangen sein muß, zeigt sich auch in der späteren Uber- lieferung noch häufig genug. Die Wanen waren Handelsgötter, und von ihnen kam das Gold zuerst unter die Leute und übte seinen Zauber auf alle aus. Die Freya lehrte nach der Vnglingasaga c. 4 den Zauber(seid) zuerst unter den Asen kennen, ‚wie er bei den Wanen gewöhnlich war(sem vönum var titt). Die Gullveig war eine Abgesandte der Wanen, und es steht nichts entgegen, sie selbst für eine Vertreterin und Hypostase der Freya zu halten. Und weiter: ‚Es gingen die Berater alle auf die Ratstühle, die hochheiligen Götter, und er- wogen das, wer die ganze Luft hätte mit Gift getränkt, oder dem Riesensohne Ods Braut gegeben. Thor allein schlug da zu, von Mut geschwollen; er bleibt selten sitzen, wenn er solches erführt. Übertreten wurden die Eide. Worte und Schwüre, alle die feierlichen Verträge, gie unter ihnen errichtet waren. Der ‚Riesensohnt ist der riesische Baumeister, Ods Braut'(Ods mey) Freya. Uber den weiteren Verlauf Müllenhoff S. 107: Nach dem Götterkriege und dem Tode des riesischen Baumeisters ist der Zustand der Welt so bedrohlich geworden, daß zuerst das Giallarhorn in Verwahrung. gebracht wird, daß dann aber Odin, scheinbar unter den schwersten Opfern an seinem eignen Leibe, eine Nerdinadng eingeht, durch die ihm als dem höchsten Gott und Weltregierer eine ewige Quelle der Weisheit und dem Weltbau Kraft und Gedeihen zufließt(vgl. Anm. I 22).