37
Schon hat Horand der Harfner, hier Frodson der Frise genannt(vgl. Sigfr. II 68), einen Teil der Mission erfüllt, die dem„Meister der Weisheit geworden war. In der Halle Walbrands, des Wikingerjarls, hatte er solche Schauermären von Krimhild(ganz in der Weise der Atlilieder, über die hier gewissermaßen ein litterarhistorischer Exkurs gegeben ist) gesungen, daß dem Jarl die Wölsungentochter, die er, wenn sie Jungfrau geworden, sich hatte vermählen wollen, verleidet wurde und er sie für sechs Pfunde Rotgold, die der König von Drontheim als Kaufpreis anbot“, an diesen abtrat.— Wie in ,Gudhrünarhvöt'“ und der Völsungasaga, so übernimmt auch hier der Ver- räter Bicki die UÜberbringung der Jungfrau an Jörmunrek, und Ramwer(Randver), der von seinem Vater ins Dovergebirge verbannt war, will die Gelegenheit benutzen, die Tochter Sigfrids zur Flucht mit sich zu bereden(III 127 ff.).
Durch eine wunderbare Verkettung glücklicher Umstände, mehr aber noch durch den Adel seiner Persönlichkeit gewinnt Hildebrand, der sich als ‚Nornegast“ an Jörmunreks Hofe eingeführt hat, die Gunst des Königs, über den er bald eine solche Herrschaft ausübt, daß dieser, dem schon von vornherein, der Wölsungin gegenüber, ‚heimliche Angst das Herz beengte und ein brennendes Weh, als wär's ein Verbrechen, dies Göttergebild für sich zu begehren“, bald auf den Besitz der Jungfrau verzichtet und überdies durch den Gesang ‚von der Niblunge Not und grauser Ver- nichtung' sein Herz so geläutert fühlt, daß endlich Hildebrand mit seinem wahren Namen und dem Zwecke seiner Sendung hervortreten kann.**⁵)
Auch hier ist es wieder von hohem Interesse, zu verfolgen, wie der Dichter den Andwara- naut— vom Balmung kann hier bei den Werken des Friedens weniger die Rede sein— benutzt, um die Fäden der Erzählung anzuknüpfen. Gleich beim ersten Zusammentreffen Schwanhilds mit Hildebrand erkennt sie an dem„Blitze der Blutrubine“ das teure Kleinod, das sie so oft am Finger der Matter in Santen gesehn.„Und unwiderstehlich wie stürzende Fluten überschwemmte plötzlich die Seele Schwanhilds ein Meer von lieben und leidvollen Bildern'. Und sie hätte nicht die ge- fangene Wölsungentochter sein müssen, um nicht in Hildebrand das Werkzeug ihrer Rettung zu erkennen und ‚um nicht sogleich mit gläubiger Seele den Erlöser in ihm zu sehn und zu lieben“. Sie erinnerte sich auch des Mannes, der einst als Ditrichsbote ganz kurze Zeit in Santen geweilt und zu dem ihr Bruder, der kleine Sigmund, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, so großes Zutrauen gefaßt. Aber sie weiß auch, daß sie in ihrer aufwallenden Freude den rettenden Freund, der noch von Gefahren aller Art umringt ist, nicht verrateff darf, und so ist sie sofort wieder die stolze Königstochter, die ihre Rolle durch eine Reihe gefährlicher Proben hindurch zu wahren versteht.
Nun hat sich„Nornegast“ als„‚Hildebrand, Heribrands Sohn“, enthüllt(X 443 ff.). Schwan- hild ist, vom Hochsitz verschwindend, dem Helden zu Füßen gefallen und bittet, das Liebesdenkmal, „wonach sie schon längst so lechzend verlangte’, an die Lippen führen zu dürfen.„Die als lange Locke von Krimhilds Haupt für den Hunnenkönig von ihr selbst einst geschnittene Schnur von Goldhaar, an welcher auch heut von Hildebrands Nacken der Andwaranaut hing, nahm jetzt Schwan- hild mit dem Ring in die Rechte'. Und ihre Bitte, dies Angedenken als Eigentum behalten zu dürfen, wird ihr gewährt,— doch vorerst nur versuchend, denn wiederfordern würd' ich das Kleinod, verrietest du mir, daß des Ringes Berührung in deinem Herzen den Hochmutsteufel, den Stifter des Wehs der Wölsungen, wecke“. Damit beginnt die bittere Buße, die der Meister der Weisheit der Sigfridstochter auferlegt, um ‚die Wurzel des Wehs im Wölsungenstamme, den ver- derblichen Dünkel, zur Demut zu heilen“(XI 21 ff.).— ÜUber diesen Leidensgang der Wölsungen- tochter s. Anm. II 55 a. E., insbesondere das Gebet ‚vor ihres Vaters Fündlingswiege— um die- selbe Zeit, da Hildebrand den altberühmten Kampf mit seinem Sohne Hadubrand besteht.*⁰²)


