Aufsatz 
Die nordische Gestalt der Nibelungensage und die neuere Nibelungendichtung / von Landmann
Entstehung
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Weisheit. Den Balmung aber giebt sie ihm als Lohn, zugleich mit dem Wunsche, ‚mit besserer Hoffnung, durch geduldigen Dienst in stolzer Demut die Schliche der Schlange in seinem Geschlechte besiegt zu sehn von der sonnigen Kraft.*²*) Sie selber ‚verlangt zu liegen in Lorsch bei Sigfrid' und da Hildebrand ‚bestürzt und mit stockender Stimme den Schlüssel verlangt zu solchen Worten, da zieht sie den Vorhang zurück und zeigt ihm in éinem Blicke: das Marmorbild Sigfrids, die Leiche Ortliebs und die Etzels, dem in derselben Nacht auf éinen Schlag die Schleusen gebrochen und in plötzlichem Strudel das Leben entströmt. Und mit dem prophetischen Blick der letzten Beherrscherin eines in Trümmer zerfallenden Weltreichs beweist sie dem Wülfing die Notwendig- keit, die ihr zu sterben gebietet.

‚Gethan ist mein Tagwerk, die Tiefe ruft mich;

Ich bebe nicht, nein, ich lechze zu büßen.

Ich sehe mir winken die Tochter Wolses,

Die hehre Signy, und höre sie sagen:

Der Ahnfrau Beispiel laß dir Gebot sein!

Sei denn mutvoll, Meister, und sprich: was muß ich? Und ‚Sterben! ist die Antwort, die Hildebrand mit derselben Sicherheit giebt, mit der er einst in Lorsch den gewissen Tod Helgis verkündet hat.

Auch hier gebietet der beschränkte Raum wieder, mit raschen Worten hinwegzueilen über Krimhilds Abschied von der Leiche Etzels und dessen Morgengabe, über den Überfall Bledas, an dessen Schädel der Balmung seinen ersten Dienst in der Hand Hildebrands thut, über den Sühnetod der stolzen Königin, ,die so tapfer geliebt und, den Tod belächelnd, die Trauer besiegt mit dem Trost der Bewundrung für des Wölsungenstammes gewaltigstes Weib'.

Wenn aber der Dichter in diesem Tode Krimhilds den schönsten und würdigsten Abschluß der Sage von den Wölsungen und Nibelungen gefunden oder um mit dem Verfasser der Schrift ‚Das Kunstgesetz Homers' zu reden wiedergefunden hat, so ist er damit keineswegs am Ende der langen Wanderung angelangt: ‚am Brunnen der Urd vor der brausende Esche, wo die Lage der Lose in Runen gemeldet,

Daß die wehvolle Welt erwarte und wünsche Als Muster und Macht den Meister der Milde, Weil maßlosen Mordens müde der Mensch sei.¹²)

Es wäre eine dankbare Aufgabe, die zahlreichen Beziehungen zur Edda, welche der 19. und 20. Ge- sang, diese ‚divina commedia germanischer Mythologie'(R. Gottschall in ‚Unsere Zeit Jahrg. 1875), enthalten, an dieser Stelle zu verfolgen.¹)) Wenn wir uns diesen Genuß versagen müssen, so soll nicht unausgesprochen bleiben, daß nach unserm Dafürhalten die Vision Hildebrands, vor allem das Totengericht Hérmuts mit ‚der Schale der Schuld und der Schale des Werts' als Erfüllung des im 24. Gesang der ,Sigfridsage verheißenen Heiles zum Erhabensten gehört, was die deutsche Dichtung der Gegenwart aufzuweisen hat, in den Gedanken über die letzten Dinge insbesondere unendlich erhaben über der Wagnerschen Götterdämmerung, zu der es in demselben Gegensatze steht, wie die alle Kräfte des Leibes und der Seele herausfordernde Darwinsche Theorie zu dem von narko- tischen Düften durchzogenen Nirwana des Buddhismus.

(d. 1) Am Brunnen der Urd hatte Hildebrand die Lose gelesen von demMeister der Milde, der, mit den Asen ‚aus éiner Wurzel aufgewachsen in Urverwandtschaft, von der wehvollen Welt erwartet werde. Zwei Monate später sehen wir ihn in dem Lande angelangt, wohin ihn der letzte Wille Krimhilds und die Weisung Wodans entsendet.