Aufsatz 
Zur Heterophyllie der Phanerogamen im allgemeinen und des Efeu im besonderen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

51

Wo um der Menschheit große Gegenstände, Um Herrschaft und um Freiheit wird gerungen, Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne Auch höhern Flug versuchen, ja sie muß,

Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen.

Bevor er die Schaubühne fürder Menschheit große Gegenstände gewann, vertiefte er sich in die strengen und läuternden Quellen der Weltgeschichte und der Philosophie. Große Männer und große Taten waren schon die Freude des Knaben gewesen. Was ihn fesselt, so sagt er selbst, ist der große Menschen- ozean, das Völkergewimmel, wo durch die gewaltige Wucht unendlicher Bedin- gungen und Folgen im großen, weiten Zusammenhang alles den ernsten Zug der Notwendigkeit annimmt und aus der Enge des Lebens heraus sich auf ein höheres Postament stellt. In Schiller vereinigen sich aber auch der Dichter und der Denker. Ihn erfaßte die Gewalt des kritischen Gedankens, mit der Kant das deutsche Geistesleben durchdrang, und er hatte die wunderbare Willenskraft, den schmerzlichen Konflikt zwischen dichterischer Begeisterung und rein ver- standesmäßiger Weltanschauung heroisch durchzukämpfen. Aus diesen Mühen ging er gestählter, reifer und geläuterter hervor.

Wir sehen, wie er uns nach diesen Jahren der Arbeit und des Lehrens mit genialer Raschheit eine große historische Katastrophe nach der andern auf die Bühne stellte und das deutsche Volk gewöhnte, großen Geschicken gefaßt ins Auge zu sehen. Er gab den Deutschen die Wallensteintrilogie, die nach Goethes Ausspruch so groß ist, daß zum zweitenmal nichts Xhnliches mehr vor- handen sein kann. Er schuf inMaria Stuart sein bestgebautes Trauerspiel, in dem er nach Art der antiken Tragödie nur die Katastrophe, das Herein- brechen der Vernichtung darstellte. Er schenkte uns die größte romantische Tragödie, dieJungtrau von Orleans, in der seine farbenprächtige Sprache wahre Feste feiert und die Uberzeugung des Empfindens sich mit routiniertester Bühnenkunst paart. Er schritt in derBraut von Messina bei der Auftassung des unabwendbaren Schicksals bis zu antiker Strenge vor und kehrte imWilhelm Tell zu wahrer Volkstümlichkeit zurück. Und er starb, umgeben von neuen, gewaltigeren Entwürfen.

Aber mit welch zwingender Notwendigkeit sich auch in allen seinen Helden- dramen die tragischen Geschicke vollziehen, er pleibt doch stets der Dichter des Ideales. In der Idee, im abstrakten Denken ruht seine schaffende Kraft. Mag der gefiederte Gedanke zu raschen Fluges durch den Ather streichen, ohne in alle Tiefen des Gemütes zu tauchen, mag selbst der Vorwurf der Gedankenhaftigkeit nicht immer unberechtigt sein, wir müssen doch stets die staubbefreite Reinheit dieser Poesie bewundern, für die wir des Dichters Wort in derGlocke anwenden können:

Hoch über'm niedern Erdenleben Soll sie im blauen Himmelszelt, Die Nachbarin des Donners, schweben Und grenzen an die Sternenwelt.

Und doch ist Schiller Idealist, ohne sich uns dem Leben zu entrücken. Als Mensch sah er vielmehr nüchtern in die Welt und kannte sie genauer als mancher, der ihn Schwärmer schilt. Wir werden seine Persönlichkeit besser verstehen, wenn wir wie Goethe von einer Christustendenz reden, die Schillern angeboren sei: er habe das Gute in allem mit dem Auge der Liebe gesehen. er habe nichts berührt, ohne es zu veredeln, er habe auch in das Gewöhnliche und Unscheinbare den tiefsten Sinn zu legen und das Unendliche daran zu knüpfen gewußt. Seine echte dichterische Idealität zeigt sich aber auch darin, daß er jene dramatischen Personen, die einander im Kontrast entsprechen, sich in unserer Auffassung zum Bilde vollmenschlicher Natur ergänzen läßt. So steht der gottbegeisterten Jungfrau von Orleans und dem von ihr hingerissenen

4*