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beruhigt und erhobeu, schritt er hellen Auges durch jenes große dunkle Tor, das uns alle eintreten läßt in eine andere Welt.
Da fragen wir uns nun wohl: Ist etwas dieser läuternden, aufrichtenden Macht zu vergleichen, die den Sterbenden hinweghob über die Nöten des nahenden Todes und ihn die tobenden Qualen einer furchtbaren Krankheit vergessen ließ? Und wir fühlen, wir haben es da mit einer Erscheinung zu tun, die nicht zu vergleichen ist den Erscheinungen des Alltags, mit einer erhabenen, wunder- ähnlichen Kraft, die uns seltsam ergreift und rührt und den Gefilden schönerer, unendlich ferner Lande entstammt.
Der Gott, der solchen Zauberstab schwingt, ist also Friedrich Schiller. Seine sterblichen Reste hat man einst in stiller Mondnacht zu Grabe getragen, aber heute, wo sich der Tag seines Scheidens zum hundertstenmale jährt, feiern wir ihn nicht als Toten, sondern als einen, der lebt und fortleben wird in künftigen Geschlechtern. Und zwar fortleben wird, wenn auch sein Name nicht mehr klingt, in den leuchtenden Bildern, die er in das Herz seines Volkes gesenkt, in den Keimen, die er gesäet und die sich erst entfalten und Früchte tragen werden, und in den Idealen, die er uns aufgebaut hat und die wir uns erst werden erkämpfen und verwirklichen müssen. Unsterblich ist er auch, weil er nicht nur zu einem kleinen Kreise von Eingeweihten und Pietätvollen spricht, sondern sein ganzes Volk emporziehen will zur Höhe seiner Anschauung, seines Fuhlens und Denkens; weil er seine göttlichen Ideen eingegossen hat in die Form höchster Klarheit und die Schaubühne zur Vermittlungsstätte zwischen Genius und Volk erhob.
Schillers Ideale stehen noch in unerreichter Ferne. Die Gegenwart ist ihnen noch nicht nähergetreten als des Dichters Mitwelt. Und doch sind sie eigentlich die sittlichen Stützen jeder geistigen Kultur.
Die treibende und vertiefende Kraft seiner größten Dichtungen ist die Liebe zur Menschheit überhaupt, die über alle Grenzmarken hinaus eine brüderliche Gemeinschaft der Ideen umfassen soll. Nicht minder stark pulst in ihm das Gefühl der Vaterlandsliebe, der V olkszugehörigkeit und der geistigen wie politischen Freiheit. Er sah das Morgenrot der französischen Staatsbefreiung und die Brutalitäten der Revolution zugleich voraus, sein Prophetengeist ahnte das Joch der napoleonischen Heere. Vom Geiste der„Räuber“ erfuüllt, die leuchtenden Zeichen über den Alpenfirnen des„Tell“ schauend, stürmten die Deutschen Jahre nach seinem Tode die Zwingburgen der Fremdherrschaft. Das Reiterlied aus„Wallensteins Lager“ trieb Lützows wilde, verwegene Jagd in den Todeskampf. Allseits hörte man die Worte des sterbenden Attinghausen widerhallen:
Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.
In seinen ersten Schaffensjahren teilte Schiller freilich die weltbürgerlichen Ideen seiner Zeit. Man war damals nur zu leicht geneigt, Vaterlandsliebe und das Selbstgefühl der Völker als nationale Beschränktheit aufzufassen. Von diesem Irrtum rang er sich eigentlich erst in der„Jungfrau von Orleans“ los. Hier finden wir jene klingenden, oftgenannten Verse:
Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles treudig setzt an ihre Ehre.
Goethe bekannte einmal:„Ich suchte die Natur“ und von Schiller sagte er:„Schiller suchte die Freiheit“. Schiller ist wahrhaftig ein Dichter der Freiheit im hohen und höchsten Sinne. Der gärende Unmut seiner Jugend gegen bedrückende und unwurdige Verhältnisse fand Ausdruck und Erfüllung in den„Räubern“. In„Kabale und Liebe“ wird das Glück zweier Menschen dem Götzen der Gesellschaft geopfert. Marquis Posa verkörpert den Gedanken der freien Mensch- lichkeit.„Wülheim Tell“ nennt man mit Recht das hohe Lied der Freiheit.
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