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deutschen Volke jene Ideale glänzend hehr vor Augen gestellt hat und stets vor Augen stellen wird, deren begeistertes Hochhalten es eben zum deutschen Volke macht und vor anderen Völkern auszeichnet— die Ideale edler Mensch- lichkeit, des Gottvertrauens, der Vaterlandsliebe, der Redlichkeit, echter Mannes- und Frauentugend sowie jener wahren, inneren Freiheit, die, an sich haltend und in strenger Achtung vor Recht und Gesetz, fern ist von jener frechen Zügellosigkeit, die man oft fälschlich Freiheit nennt und die geradezu im Gegen- satze steht zu jener sittlichen Freiheit, die Schiller verkündigt.
Wie kein anderer hat er den herrlichsten, schwungvollsten Ausdruck der tiefsten Gedanken über die Rätsel und Fragen des Menschendaseins gefunden! Man kann sagen: Alles Süße, was Menschenbrust durchbebt, und alles Hohe, was Menschenherz erhebt, Schiller hat es in Formeln gefaßt, die kein pythischer Gott schöner und wahrer ersinnen könnte!
Viele Hunderte von Dichtern nennt die Geschichte der deutschen Literatur und nennt sie groß und verewigt ihre Namen, aber ihre Werke sind für die Nachwelt bereits verschollen und vergessen. Friedrich Schiller jedoch gehört nicht nur der Literaturgeschichte an, nein, er lebt im Volke, er lebt der Jugend, die ihm begeistert anhängt, er lebt dem Alter, das sich an dem jugendfrischen Schwunge der Schillerschen Dichtung verjüngt und erfreut, er lebt nicht nur dieser oder jener Zeit, er lebt allen Zeiten, seine Werke sind unvergänglich.
Das ist es, weshalb wir den hundertjährigen Todestag Schillers nicht in Trauer feiern, denn das Betrübende seines Hingangs liegt uns zu fern, sondern wir feiern diesen Tag bei aller weihevollen Stimmung in einer gewissen freudigen Begeisterung. als einen fröhlichen Maitag, als einen mit Jubel begrüßten Tag der Wiedergeburt eines hohen Genius, der die edelsten Erscheinungen seines Volkes in sich vereinigt.
Schiller, der vor hundert Jahren gestorben ist, er ist gewissermaßen wieder geboren als eine den öden, finsteren Winter siegreich überwindende Sonne,— denn er hat, Ideal und Wirklichkeit, Kunst und Natur zauberhaft verbindend, die Gährungen und Trübungen der dichterischen Bestrebungen der jüngsten Zeit, die von einem Extrem zum anderen schwankten, überwunden und er wird solche stets überwinden.
Sein Name ist uns heute wie eine Verheißung für die Zukunft, nicht bloß für die Dichtung, sondern auch für das gesellschaftliche und politische Leben. Die Ideale werden und müssen sieghaft bleiben, die ein Schiller so wahr und herrlich seinem Volke und der ganzen Menschheit gegeben hat!
Das lehrt uns die Jugend, die immer wieder freudig zu Schiller zurück- kehrt und ihn begeistert verehrt!— Die Jugend ist deshalb auch in erster Linie berufen, sein Andenken zu feiern, und namentlich das Gymnasium, das neben der Bühne die eigentliche Pflegestätte der Klassiker ist.
Euch, meine lieben jungen Freunde, sei deshalb nunmehr das Wort erteilt, auf daß ihr unseren großen, verklärten Dichter durch Singen und Sagen ver- herrlichet!“
Nach dieser Ansprache des Direktors sangen die Gesangschüler des Gymmasiums unter der Leitung des Gesanglehrers Adolf Kuhn den Bardenchor „Stumm schläft der Sänger“, worauf der Abiturient Rudolf Freiherr Capri de Merecey die von ihm selbst verfaßte Festrede hielt. Sie wurde von den Anwesenden mit größtem Interesse aufgenommen. Wegen ihres gediegenen Gehaltes sei sie hier wiedergegeben.
„Als Friedrich Hebbel schon den erstarrenden Kuß des Todesengels auf seiner Stirne fühlte und dunkle Gewalten um seine Seele rangen, da rief er seine Tochter herbei und ließ sich von ihr Schillersche Verse vorlesen. Von den gleitenden Rhythmen seines Lieblingsgedichtes, des„Spazierganges“, zugleich


