Aufsatz 
Zur Heterophyllie der Phanerogamen im allgemeinen und des Efeu im besonderen
Entstehung
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II. Die Heterophyllie von Hedera Helix.

Theophrast, den wir schon eingangs zitierten, beschreibt den Efeu sehr genau. An der Stelle, wo er von der Verschiedenheit der Blätter der weißen Pappel, des Efeu und des Wunderbaumes spricht, fährt er dann fort:Bei der Pappel sind die jüngeren Blätter eirund, die älteren werden winkelig, beim Efeu im Gegenteil sind die jüngeren Blätter winkelig, und die älteren Blätter werden runder. Im III. Buch, Kap. 18, schreibt er: Der Efeu hat viele Arten; die eine Art kriecht an der Erde ſertyeoc), trägt keine Früchte und heißt g4ε. Die andere wächst hoch und führt den Namen Kioοας.... Einige be- haupten, daß die lie noch nicht die Natur des Efeus angenommen habe; wenn sie aber in dessen Natur übergeht ſdrrowtτοντα, so unterscheidet sie sich deutlich nicht allein durch die Blätter, die größer und breiter sind(gegenüber den kleineren, winkeligen und regelmäßigen Blättern der), sondern auch durch die Triebe; diese steigen nämlich gerade auf, sind kürzer und dicker. Alle Arten von Efeu haben viele und gedrängte Wurzeln, die verworren, holzig und dick sind, aber nicht tief gehen. Daß Theophrast gerade den Efeu so eingehend beschreibt, darf uns bei der Rolle, die diese Pflanze im Kultus der Griechen spielte, nicht wundernehmen. Andere Beobachtungen über Hedera sind in der Literatur so verstreut, daß es nicht geringe Mühe kostete, sie zu sammeln, wobei ich natürlich auf eine auch nur annähernde Vollständigkeit, insbesondere mit Rücksicht auf die Schwierigkeit der Literaturbeschaffung in einer Provinzialstadt, nicht rechnen konnte. Die einschlägigen Beobach- tungen der wichtigsten Autoren, wie Kerner, Wettstein, Haberlandt, Goebel, Schenck, Buchenau, Kraus, Hoffmann, Pick und anderen, finden sich an ge- eigneter Stelle wiedergegeben.

Morphologie.

Hedera Helix, eine wurzelkletternde holzige Liane aus der Familie der Araliaceen, bringt zweierlei Blätter zur Ausbildung. Die einen treten wie ge- wöhnlich angegeben wird, in der unterensterilen Region, die anderen in der oberenfertilen Region der Pflanze auf. Wir wollen mit der Betrachtung der ersteren beginnen.

Blätter der sterilen Region. In der Regel ist die Spreite fünf- lappig symmetrisch, die Buchten zwischen den einzelnen Lappen stumpt. Vom Blattgrunde strahlen fünf Nerven aus, deren Zahl und Anordnung auffallend konstant bleibt, auch dann, wenn der Umriß des Blattes beträchtlich von der eben skizzierten Form abweicht; jeder dieser Nerven verläuft nahezu gerad- linig bis in die Spitze eines Lappens. Meist ist ein Dominieren des mittleren über die vier seitlichen Stränge nicht zu verkennen. Der Winkel, welchen die beiden dem mittleren benachbarten Nerven mit diesem bilden, beträgt ebensowiejener, welchen die Auszweigungen höherer Ordnung mit ihren relativen Hauptnerven einschließen, zirka 60⁰9. Schencks Angabe, daß die Blätter dieser Region ihre größte Breite an der Basis aufwachsen, bedarf insoferne einer Richtigstellung, als dieses Maximum nach meinen Beobachtungen meist in der Höhe der oberen Seitenlappen liegt. Bezeichnet man den Abstand vom Ende des Mittellappens bis zum Blattgrunde(= Länge des mittleren Nerven) als Blattlänge, die gerad- linige Entfernung der beiden oberen Seitenlappen als Breite, so findet man für das Verhältnis dieser Abmessungen sehr verschiedene Zahlen. Als Mittelwert aus zahlreichen Messungen ergab sich: L: B= 0·7: 1, d. h. meist über- trifft die Breite erheblich die Länge.

Das helle, weißliche Geäder tritt aut dem dunkelgrünen, matten Grunde gut hervor und ist an der Oberseite stärker vorgewölbt als auf der heller