Aufsatz 
Zur Heterophyllie der Phanerogamen im allgemeinen und des Efeu im besonderen
Entstehung
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Boden streichenden Winde keine Fläche, im zweiten schützt der Stengel das Blatt; eine Analogie mit den bandförmigen oder zerteilten Wasserblättern der eingangs besprochenen Pflanzen, die immerhin als eine gewisse Anpassung an den Anprall des Wassers aufgefaßt werden müssen, ist hier unverkennbar.

Auch an die Betauung, den Schneedruck etc. würden sich zweifellos noch mehr als bisher Anpassungen der unteren Blätter erkennen lassen. Am häufigsten aber finden wir eine ausgesprochene Anpassung an die verschiedene Licht- intensität. Dieselbe kommt allerdings weniger in der Form, als vielmehr in der Stellung und vor allem im anatomischen Bau des Blattes zum Ausdruck. Gerade eine Klarlegung dieser Verhältnisse aber liegt zur Zeit für die wenigsten Fälle von Heterophyllie vor. Welch' gewaltigen Einfluß das Licht auf den Bau des Blattes nimmt, haben uns die grundlegenden Arbeiten von Wiesner, Heinricher, Stahl, Johow, Pick, Tschirch und anderen gelehrt. Die Ausbildung typischer Sonnen- undSchattenblätter kommt wohl der Mehrzahl aller Landpflanzen, soferne sie nicht echte Schattenpflanzen, oder aber Kerophyten sind, zu. Was die Lagebeziehungen anbelangt, so werden wir wohl ziemlich allgemein bei den Landpflanzen die unteren, bei den Wasserpflanzen die submersen Blätter fürSchattenblätter; die oberen, beziehungsweise die Schwimm- oder Luft- blätter fürSonnenblätter ansprechen dürfen. Doch müssen diese Begriffe keineswegs immer kongruieren und durch die bloße Existenz von Sonnen- und Schattenblättern ist noch keine Heterophyllie in unserem Sinne geschaffen. Denn es ist ganz wohl möglich, daß auch gleichalterige, in gleicher Höhe stehende Blätter einer Pflanze, z. B. infolge partieller Beschattung im engen Verbande mit anderen, teils als Sonnen-, teils als Schattenblätter ausgebildet sind. Ja, wir können noch viel weiter gehen. Wie Czapek gezeigt hat, können sogar die Teile eines zusammengesetzten(gefiederten) Blattes sich verschieden verhalten, wie bei Cirsium eriophorum, wo an sonnigen Standorten zwei Reihen von Fiederabschnitten aufgerichtet, am Rande eingerollt sind und im anatomischen Baue sich deutlich an größere Lichtintensität angepaßt zeigen als die horizontal ausgebreiteten übrigen Fiedern.

Es geht aber auch in jenen Fällen, in denen unsere bisherigen Forschungen eine bestimmte unverkennbare Anpassung zutage gefördert haben, nicht an, diesen einen Faktor als alleinigen und ausschlaggebenden fůr das Zustandekommen der jeweiligen Heterophyllie anzusehen. Wir müssen uns vielmehr daran gewöhnen, die endliche Blatttorm als eine Resultierende aus gar vielerlei Beeinflussungen (Medium, Licht, Wärme, Feuchtigkeit u. a.) aufzufassen. Welchem Faktor über- haupt eine bestimmende Bedeutung zukommt, kann nur das Experiment und ein Studium des anatomischen Baues entscheiden. Beide Wege sind von der modernen Forschung(ersterer besonders von Goebel) mit Erfolg betreten worden; gesellt sich hiezu eine vorurteilsfreie Naturbeobachtung im Verein mit einer richtigen Würdigung der Onto- und Phylogenie der jeweiligen Pflanze, dann kann das gewonnene Resultat uns ein annähernd richtiges Bild der so komplizierten Verhältnisse geben. Am günstigsten in dieser Hinsicht liegen zur Zeit die Verhältnisse beim Efeu, bei welchem die vorhandene Literatur die meisten der angeführten Momente, mit Ausnahme der Anatomie, ein- gehender berücksichtigt hat. Letztere erscheint allerdings arg, um nicht zu sagen, gänzlich vernachlässigt. Diese Lücke auszufüllen, die anderen allent- halben verstreuten Beobachtungen zu sammeln und nach kritischer Betrachtung zu einem Gesamtbilde zu vereinen, ist der Zweck des nachfolgenden Ab- schnittes.