Aufsatz 
Zur Heterophyllie der Phanerogamen im allgemeinen und des Efeu im besonderen
Entstehung
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die oberen sitzend, lineal. Goebel hat experimentell die Bedingungen für das Zustandekommen der beiden Blattformen zu ermitteln gesucht und gefunden, daß die Rundblätter(= untere B.) auf geringe Lichtintensität gestimmt sind: sie entstehen zuerst, zu einer Zeit, wo die zwischen anderen Pflanzen heran- wachsenden Campanula-Pflänzchen weniger intensives Licht erhalten. Die Internodien der Sproßachsen, die sie tragen, sind kurz. Bei den Stengel- blättern(= obere B.) sind die Internodien gestreckt und die sie tragenden Sprosse enden mit Blüten. Bei schwächerer Lichtintensität bleibt die Pflanze auf dem Stadium der Rundblätter stehen; selbst wenn schon Langblätter ge- bildet sind, kann durch Abschwächung der Beleuchtungsintensität wieder zur Rundblattbildung zurückgeführt werden. Die Keimpflanze beginnt stets mit der Bildung der Rundblätter.

Compositae: Eingehender Betrachtung würdigt Goebel die Verschieden- heit der Blätter von Scabiosa Columbaria. Die unteren Blätter sind gestielt, mit einfacher Spreite, die oberen stiellos, fiederschnittig. Die unteren sind als Kampfblätter zu betrachten, die ihre Umgebung durch Lichtentzug unter- drücken. Die oberen dagegen sind gerade durch ihre Gestalt wiederum besser geschützt gegen Wind und Regen. Auch hier sind die unteren Blätter wahr- scheinlich auf eine geringere Lichtintensität gestimmt.

Leucophyta Brownii, eine Kap-Pflanze, hat nach demselben Forscher dicht dem Stamm anliegende haarfilzige Blätter; die in der feuchten Jahreszeit gebildeten neuen Triebe entwickeln viel größere, abstehende Blätter.(Filago minima, eine einheimische Komposite, verhält sich nach Kulturversuchen ähnlich.)

Senecio aquaticus hat ungeteilte Grundblätter und untere Stengelblätter; die höher stehenden Blätter sind fiederschnittig.

Serratula heterophylla(= S. lycopifolius) trägt unten eiförmige, gezähnte Blätter, oben länglich fiederspaltige, zu oberst lineale, ganzrandige Blätter.

Untere fiederspaltige, obere ganzrandige oder weniger geteilte Blätter finden sich übrigens bei sehr vielen einheimischen Kompositen, so bei Cirsium-, Centaurea-, Lactuca-Arten und vielen anderen.

UÜberblicken wir die bei den Landpflanzen geschilderten Verhältnisse, so ergibt sich, daß die Heterophyllie derselben sich in sehr mannigfaltiger Weise ausprägt. Im allgemeinen geht die Tendenz dahin, die Flächenentwicklung der Blätter nach oben hin zu reduzieren, meist auch die Form zu vereinfachen. Nach denselben Gesichtspunkten geht aber auch die Ausbildung der in der Blütenregion auftretenden Hochblätter vor sich, zu denen die oberen Blätter in vielen Fällen ganz allmählich überleiten. Wir werden nicht fehlgehen, den Grund zu diesem Verhalten darin zu sehen, daß jetzt die gebildeten Assimilate eben in erster Linie zur Bildung der Blüten und Früchte verwendet werden sollen. Die durch lineale Ausbildung, Teilung oder Perforation der Spreite erzielte geringere Flächenentwicklung ist aber auch im Interesse des Licht- genusses der tiefer stehenden Blätter leicht verständlich. Der Vorteil, der den unteren(Wurzel-) Blättern durch den Besitz eines Stieles erwächst, wird uns begreiflich, wenn wir bedenken, daß sie dadurch über ihre mit der Pflanze im Kampfe ums Dasein ringende Umgebung emporgehoben werden, anderen das Licht entziehen und sich selbst in die geeignete Lichtlage einstellen können. Obendrein bildet der Stiel eine Erschwerung für das Aufkriechen verschiedener Tiere, die an den unteren Blättern nicht selten auftretenden Haare oder Dornen einen Schutz gegen Beschädigung durch Fraß etc. Der von Goebel gewählte und bei Scabiosa angewendete AusdruckKampfblätter erscheint für sie sehr treffend. Die oberen(Stengel-) Blätter sind im Gegensatz hiezu sitzend oder kürzer gestielt, meist wehrlos, horizontal abstehend oder dem Stengel angedrückt. Diese Stellung erscheint uns wieder mit Rücksicht auf den Wind vorteilhaft gewählt. Im ersteren Falle bietet sie dem im allgemeinen parallel mit dem