Aufsatz 
Zwei kleine Schulreden, mit welchen die am Schlusse der Schuljahre 1845/46 und 1846/47 abgegangenen Zöglinge feierlich entlassen wurden / [K. Lade, Rector]
Entstehung
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Anſtalt übergeben iſt, hier vor dieſer bochgeehrten Verſammlung mich einzulaſſen, kann nicht der Zweck meines Auftretens ſein. Ich würde ja anmaßend erſcheinen, wenn ich es wagen wollte, dem Urtheile meiner hohen Vorgeſetzten und anderer einſichtsvollen Männer vorzugreifen, oder vielleicht gar über meine eigne Amtsführung ein Urtheil zu fällen. Gleichwohl glaube ich Ihre gütige Nachſicht in Anſpruch nehmen zu dürfen, wenn ich mir einige wenige beſcheidene Bemerkungen erlaube, welche ſich auf die Beantwortung jener Fragen beziehen.

Es iſt eine ziemlich allgemein verbreitete Sitte, zur Beurtheilung des Werthes und der Leiſtungen einer höheren Bildungsanſtalt die Zahl der ſie Beſuchenden als Maßſtab anzunehmen. Zählt eine Hochſchule viele Hunderte von Studirenden, ſo gilt dies als Beweis genug, daß ſie ſo viel vorzüglicher ſein müſſe als andere, die ſich einer ſo großen Zahl nicht rühmen können. Bei Gymnaſien, Pädagogien, Progymnaſien, und wie die höheren öffentlichen oder Privatbildungs⸗ und Erzie⸗ hungsanſtalten alle heißen mögen, deren Beſuch mehr oder weniger der freien Wahl anheimgegeben iſt, geht man zwar nicht ganz ſo weit; allein dennoch bezieht ſich in der Regel die erſte Frage derjenigen, welche ſich über den Zuſtand derſelben belehren wollen, auf die Zahl ihrer Zöglinge. Manche bedürfen Nichts weiter. Ohne ſich darum zu bekümmern, welchen Einfluß äußere Verhältniſſe auf den ſtär⸗ keren oder ſchwächeren Beſuch üben, ſind ſie ſchon zu einem feſten Urtheile gelangt; warum ſollten ſie nun noch über innere Einrichtungen, über Lehrkräfte und Lehrmittel Erkundigungen einziehen?

Wer aber das Zufällige von dem Weſentlichen zu unterſcheiden gelernt hat, kann ſich ein ſo leichtfertiges Verfahren nicht zu Schulden kommen laſſen. Mag daher auch Mancher an unſerer geringen Schülerzahl einen Anſtoß finden; verſtändige Beurtheiler werden ſie der Anſtalt nicht unbedingt zum Vorwurfe machen, ſondern auch die äußeren Verhältniſſe billig berückſichtigen. Daher muß es uns zum Troſte gereichen, daß wir von Eltern unſerer Zöglinge zu wiederholten Malen die genug⸗ thuende Verſicherung erhalten haben, es verurſache ihnen ſogar wahre Freude, daß unſere Schule nur ſchwach beſucht ſei, weil ſonſt ihren Kindern unmöglich ſo viele Aufmerkſamkeit gewidmet werden könne.

Wegen der abgeſonderten Lage der hieſigen Stadt von den übrigen, bevölker⸗ teren und wohlhabenderen Theilen des Herzogthums war unſer Pädagogium niemals ſo zahlreich beſucht, als die beiden anderen Pädagogien des Landes. Sidem aber