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geſtehe, nicht minder Achtung vor dem zu haben, der nie einen Fehltritt gethan hat. Wozu noch ferner Gratulations⸗ und Condolenzviſiten machen, wenn wir jemand eben ſo gut beſuchen können, um ihm unſern Glückwunſch oder unſer Beileid(Bedauern) auszuſprechen? Wozu die Bel-Etage beziehen, wenn der erſte Stock dasſelbe leiſtet? Warum nach der Adreſſe fragen, wenn man die Wohnung wiſſen will? Iſt nicht ein Wohnungs⸗Anzeiger gerade ſo zuverläſſig, wie ein Adreß⸗ Kalender? Kann man nicht gerade ſo gut zu Mittag ſpeiſen als dinieren? Kann es nicht ebenſo ehrenvoll ſein, zu Tiſche oder zur Tafel geladen zu werden, als zum Diner? Wozu von Terrain, von Fagçgade, von Plafond u. ſ. w. reden, wenn man bei Bauſtelle, Vorder⸗ ſeite, Decke u. ſ. w. dasſelbe meint? Und ſo laſſen ſich zahlloſe Beiſpiele anführen, wie überall Sprachmengerei getrieben wird— und warum? Das klingt ſo gebildet! Schon Logau(geſt. 1655) ſpottet:„Wer nicht franzöſiſch kann, iſt kein gerühmter Mann.“
Der Zweck der mündlichen oder ſchriftlichen Mitteilung unſerer Gedanken und Empfindungen kann ein mannigfaltiger ſein. Wollen wir uns aber nicht blos darum vernehmen laſſen, weil es uns ſelbſt Vergnügen macht, ſondern als verſtändige Menſchen auch einen Zweck damit erreichen, ſo wird es natürlich in allen Fällen unerläßliche Bedingung ſein, daß wir auch verſtanden werden. Handelt es ſich nun um unſeren eigenen Vorteil, ſo wird es die Klugheit em⸗ pfehlen, uns einer Sprache zu bedienen, die der Angeredete verſteht; ſetzen wir uns über dieſe erſte Forderung hinweg, ſo machen wir uns eines unverzeihlichen Leichtſinns ſchuldig. Mindeſtens werden wir demnach da, wo wir nicht die volle Gewißheit haben verſtanden zu werden, uns vor Fremdwörtern hüten müſſen: nur ſo können wir Mißverſtänd⸗ niſſen vorbeugen, die ſchon manchen Schaden angerichtet haben.— Dunger erzählt Folgendes (S. 22): Ein höherer Offizier, der eine Reiſe unternehmen mußte, erteilte ſeinem Burſchen den Auftrag, ihm alle Cito⸗Sachen ſofort nachzuſenden. Pünktlich kam dieſer dem Befehle nach; aber als der Offizier zurückkehrte, fand er ein wichtiges Citiſſime⸗Schreiben vor, das bereits ſeit längerer Zeit ruhig dalag: es ſtand ja kauch nicht Cito darauf! Ich meine: wenn ſtatt der Fremdwörter drauf geſtanden hätte: eilig und ſehr eilig, ſo wäre das Verſehen nicht möglich geweſen.
Aber nicht nur unſer eigener Vorteil, ſondern auch der eines anderen, dem wir nützen wollen oder ſollen, erheiſcht dieſelbe Rückſicht: mit einem Orakel iſt bekanntlich wenig gedient. Eine übrigens nicht ungebildete Frau erzählte mir, ſie hätte in einer gerichtlichen Verhandlung, einen Erbvertrag betreffend, manches Fremdwort nicht verſtanden, ſich aber immer wieder geſcheut nach der Bedeu⸗ tung zu fragen und ſomit keine klare Vorſtellung von manchen Einzelheiten bekommen.— Ein Arzt verordnete einem kranken Dorfſchenkwirt ein Narkotikum(Schlafmittel) gegen ein veraltetes inneres Leiden und empfahl es in kleinen Priſen zu nehmen. Als er am andern Tage den Kranken beſuchte, fand er ihn mit hochgeröteter, dickgeſchwollener Naſe.„Um Gottes willen, was haben Sie denn gemacht?“„Der Schmerz im Leibe iſt weg durch das viele Nieſen“, antwortete der Schenkwirt,„aber die Priſen waren etwas kitzelig.“ Er hatte die Arzenei durch die Naſe genommen(Tägl. Rundſch., 1883, S. 312).— Die Rückſicht auf nicht fremdſprachlich Gebildete wird eben zu ſehr außer acht gelaſſen. Unſere Zeitungen bewegen ſich meiſtens in einer Fülle von Fremdwörtern, als wenn ſie Fachzeitſchriften wären; ich habe manchen öffentlichen Vortrag gehört, der in dieſem Punkte Anforderungen an die Zuhörer und Zuhörerinnen ſtellte, denen gewiß nur wenige genügt haben dürften. Iſt das nicht ein Leichtſinn? Wie will man irgend einen Nutzen ſtiften, wenn man ſich nicht bemüht, eine Sprache zu reden, die jedermann verſtändlich iſt? Wie will


