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Spleen durch ein Wort wiedergeben.*) über das Wort perfid ſagt Goethe**):„Ich finde Gott ſei Dank! kein deutſches Wort, um perfid in ſeinem ganzen Umfange auszu⸗ drücken. Unſer armſeliges treulos iſt ein unſchuldiges Kind dagegen. Perfid iſt treulos mit Genuß, mit Übermut und Schadenfreude.“ Und über Suffiſance ſagt Saphir in einer Vor⸗ leſung**):„Überſetzen Sie mir einmal die franzöſiſche Suffiſance ins Deutſche! Sie können Selbſtgefälligkeit, höchſtens Eigendünkel ſetzen. Aber, o Himmel! der Eigendünkel iſt ein liebenswürdiger, beſcheidener, charmanter junger Mann gegen dieſe komplizierte Suffiſance. Mad. la Suffisance iſt eine Perſon, die aus einem Créme von Dünkel, Stolz, Grobheit, Albernheit und Verſchmitztheit beſteht; der Deutſche kennt weder die Sache noch den Namen.“ Und ſo geht es mit manchem anderen Worte: wir werden oft nicht anders können, wenn wir wirklich das zum Ausdruck bringen wollen, was wir im Sinne haben. Dann aber ſollte man es doch nicht unter⸗ laſſen, da, wo es im Hinblick auf die Leſer oder die Zuhörer nötig erſcheint, den Ausdruck zu erklären. Die Berliner Staatsbürger⸗Zeitung hat die nachahmenswerte Gewohnheit, an jedem Tage die in der Nummer vorgekommenen ſchwierigen Fremdwörter am Ende zuſammenzuſtellen und zu erklären.
4. Fremdwörter, die bereits ſo eingebürgert ſind, daß eine Erſchwerung des Ver⸗ ſtändniſſes für den nicht fremdſprachlich Gebildeten a usgeſchloſſen erſcheint, mag man gelten laſſen, ſelbſt wenn ſich ein deutſches Wort beſchaffen ließe. Denn es kann leicht geſchehen, daß dieſes letztere— weil weniger bekannt— weniger verſtändlich iſt, als das Fremdwort. Hierher gehören z. B. die Monatsnamen(deutſche Namen einzuführen iſt öfter verſucht worden), Wörter wie Publikum, Titel, Nummer, Theater, Oper, Kalender, Atlas, Majeſtät, Director(namentlich in der Anrede) u. a. Fremdwörtern dieſer Art gegenüber muß man um ſo vorſichtiger und— nachſichtiger ſein, als Witzlinge, die offenbar keine Ahnung von der Wichtigkeit der Sache für unſere geiſtige Förderung haben, gerade hier ein leichtes Spiel zu haben pflegen. Beſonders bedenklich ſind die ganz wörtlichen überſetzungen..
Gegen dieſe will ich mich überhaupt hier ausdrücklich verwahren. Ueberſetzungen wie: ſich morgenländern für: ſich orientieren, frohbotſchaftlich für evangeliſch, allgemeingläubig für katholiſch, Heimlicher für Secretär, u. a. halte ich für eben ſo lächerlich, wie den Gebrauch unnötiger Fremdwörter. Eine bloße Ueberſetzung iſt noch keine Verdeutſchung. Es handelt ſich vielmehr darum, Ausdrücke zu finden, die das, worauf es in dem bezüglichen Falle ankommt, in ausreichendem Maße bezeichnen. Wörterbuch für Lexicon, Hochſchule für Akademie, Bilder aus dem Leben für Genrebilder, eingeſchrieben für recommandiert u. a. ſind treffliche Ver⸗ deutſchungen, aber keine Ueberſetzungen.
Dieſes alſo ſind die Fremdwörter, mit denen wir uns ſchon befreunden müſſen, und es ſind ihrer nicht gar zu viele: ungleich größer iſt die Zahl derer, die wir entbehren können— und ſollen. Denn im Ernſte: warum will man das durch Fremdwörter entſtellen, was man in ſeiner Mutterſprache eben ſo gut ausdrücken kann? Ich meine: Gedanken und Empfindungen, Thätigkeiten und Verhältniſſe, die allen gebildeten Nationen gemein ſind, kann jegliche auch ſelb⸗ ſtändig ausdrücken. Ich will das an einigen Beiſpielen zeigen, ohne es an Exempeln zu demon⸗ ſtrieren. Wer niemals einen faux-pas gemacht hat, vor dem habe ich Reſpekt; aber ich
*) Kelle, a. a. O. S. 17. **) Wilhelm Meiſters Lehrjahre, 5. Buch, Cap. 16. **) Humoriſtiſche Abende: Die deutſche Sprache und die deutſchen Frauen.


