— 11—
anderer Länder beteiligt, gelingen ſich jedem Fremdwort zu verſchließen. Sehr richtig bemerkt Th. Heinze*):„Eine Rettung davor wäre nur in dem einen Falle denkbar, der aber that⸗ ſächlich unmöglich iſt, daß jeder Einzelne Kenntniſſe, Erfindungsgabe und guten Willen genug beſäße, um für alles Neue, das ihm in oder aus der Fremde entgegenträte, aus dem Stoff ſeiner Mutterſprache ſogleich eine neue Benennung zu geſtalten.“ Wir werden uns alſo ſchon mit einer Anzahl von Fremdwörtern befreunden müſſen; und das ſind
1. Namen für ausländiſche Stoffe, Zeuge, fremde Nahrungsmittel, Ge⸗ tränke, Titel u. ſ. w. Es iſt alſo eine übertreibung, wenn Wörter wie Kattun, Shirting, Creas, Cigarre, Coaks, Zitrone, Grog, Chokolade, Doctor u. a. als Fremdwörter bekämpft werden. Es wird ſich auch nichts dagegen einwenden laſſen, wenn ausländiſche Namen von uns ebenſo geſchrieben und geſprochen werden, wie in dem Lande, dem ſie angehören: es hat das manchen naheliegenden Nutzen;
2. gewiſſe Ausdrücke in Kunſt und Wiſſenſchaft, wie z. B. Klavier, chromatiſch, Pauſe, Roman, Komet, Coéffizient, Periode, Philoſophie, Figur, Litteratur, Symphonie, Ideal und viele andere. Denn ſie bezeichnen entweder ſichtbare Dinge, die man zugleich mit der Benennung kennen lernt, und da iſt eine Verwechſelung ausgeſchloſſen, oder Begriffe, die aus einer Kunſt oder Wiſſenſchaft hergenommen ſind, und da werden ſie eben mitgelernt, wie jeder Fachausdruck. Solche Kunſtausdrücke werden ſelbſtverſtändlich auch in höheren Schulen gelehrt und erklärt werden müſſen. Da der in der betreffenden Kunſt oder Wiſſenſchaft nicht Bewanderte die Benennung, auch wenn ſie deutſch wäre, nicht verſtehen würde, ſo wird er durch den herge⸗ brachten fremdſprachlichen Ausdruck auch gar nicht geſchädigt. Dagegen würde durch eine Ver⸗ deutſchung leicht ein Mißverſtändnis hervorgerufen werden.
Findet ſich übrigens ein ſchöpferiſches Sprachtalent, welches auch für Ausdrücke in Kunſt und Wiſſenſchaft deutſche Wörter bilden kann, die das in den fremden Enthaltene gut zum Ausdruck bringen, alſo gewiſſermaßen das nachholt, was bei der erſter Entlehnung verſäumt worden iſt, dann verlieren auch dieſe Fremdwörter ihr bisheriges Bürgerrecht bei uns. Undenkbar iſt dies durchaus nicht. Denn in der That giebt es hier ſchon manche gute Verdeutſchung, die keiner, dem die Entwickelung und Bereicherung unſerer Sprache am Herzen liegt, fernerhin unbeachtet laſſen ſollte. Zwiſchenreich ſtatt Interregnum; Einſchaltung, Beiwerk, Zwiſchenhandlung u. a. ſtatt Epiſode; Dreieck ſtatt Triangel; Ergebnis, Erzeugnis ſtatt Produkt; Zeit⸗ oder Taktmeſſer ſtatt Chrono⸗ meter, Beurteilung ſtatt Kritik, Kehrreim ſtatt Refrain, Sittenlehre ſtatt Ethik, gleichbedeutend ſtatt identiſch, Zerrbild ſtatt Karikatur und viele andere würden, wenn ausſchließlich zur Anwendung gebracht, dem Verſtändnis in weiteren Kreiſen außerordentlich dienen.—
3. Um etwas Fremdes, einer anderen Nation Eigentümliches, zu bezeichnen werden wir das dort gebräuchliche Wort geſtatten müſſen, weil es am ſicherſten die gemeinte Sache bezeichnet, ja ſogar oft mit einem Worte eine ganze Geſchichte ins Gedächtnis ruft. Ich erinnere an Ausdrücke wie Byzantinismus, Chauvinismus, Spleen, Romantik, gentleman u. a. Manchmal liegt in dem fremden Ausdruck etwas, was wir im Deutſchen nur umſchreiben können, weil es unſerer Anſchauung fremd iſt. Es hat eben jedes Volk ſeine Eigenart und darum auch ſeine eigentümlichen Wörter. So wenig daher die Franzoſen oder Engländer ein Wort beſitzen, welches alles enthält, was in unſerem„gemütlich“ liegt, ſo wenig können wir Deutſchen frivol oder
*) Th. Heinze, über die Fremdwörter im Deutſchen, Berlin, 1878.


