Aufsatz 
Für und wider die Fremdwörter
Entstehung
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als je wird bald nach dem Erwachen der klaſſiſchen Studien das Lateiniſche. Das Recht war bisher deutſch geweſen; im 15. Jahrhundert beginnt das Studium des römiſchen Rechts. Die Rechts⸗ gelehrten mengen nun zahlloſe lateiniſche Wörter in ihr Deutſch, und bei dem Anſehen der Kanz⸗ leiſprache iſt es nicht zu verwundern, daß ihr böſes Beiſpiel reiche Nachahmung findet. Auf höheren Schulen und Univerſitäten wird in lateiniſcher Sprache gelehrt, lateiniſche Bildung wird das Ziel des Unterrichts, Deutſch wird in die niederen und deshalb ſo genannten deutſchen Schulen verwieſen. Man ſchreibt lateiniſch und überſetzt vorhandene deutſche Dichtungen in das Lateiniſche, um ſie damit dem gebildeten Ohr anmutiger und gleichſam verſtändlicher zu machen. Selbſt ſeinen eigenen Namen hört man lieber lateiniſch, man überſetzt ihn(z. B. Schnitter: Agricola, Peter Bienewitz: Petrus Apianus, Kremer: Mercator, Greiff: Gryphius, Weber: Textor u. a.) oder man hängt ihm wenigſtens ein us oder ius an. Schreiben dieſe Männer einmal deutſch, wie das ja zuweilen geſchieht, ſo iſt es doch lateiniſch gedacht und empfunden.*) Aber ſie bevorzugen nicht nur das Lateiniſche und ſchreiben in dieſer Sprache das wäre noch nicht das Schlimmſte geweſen ſondern ſchieben wirkliche lateiniſche Wörter mit ihren lateiniſchen Endungen in deutſche Sätze ein und meinen dieſe dadurch zierlicher zu machen, wie wir heutzutage franzöſiſche, engliſche und andere Wörter einmengen. In Wahrheit wurden die Sätze dadurch ſchwerfällig und für viele unverſtändlich. Schon im 16. Jahrhundert bediente man ſich daher im diplomatiſchen Verkehr der klaren franzöſiſchen Sprache, und die deutſchen Fürſten unterhandeln mit Carl V. franzöſiſch. Das mußte natürlich unſerer Mutterſprache ſchaden, auch wenn nicht alle ſo gering von ihr dachten, wie Carl V. ſelbſt, welcher meinte, ſpaniſch rede er mit Gott, italieniſch mit den Frauen, fran⸗ zöſiſch mit dem Manne, deutſch aber mit ſeinem Pferde. Daß auch die höchſten Stände das Franzöſiſche bevorzugen, wird hiernach begreiflich, und daß man allmählich franzöſiſche Bildung und Lebensweiſe nach Deutſchland zu verpflanzen trachtet, iſt die natürliche Folge.**) Die Wirren des 30jährigen Krieges, Ludwigs XIV. Kriege in Deutſchland, und der Einfluß, den er auf die deutſchen Höfe ausübte, endlich die klaſſiſche franzöſiſche Litteratur im 17. Jahrhundert alles das trug nicht wenig dazu bei, das Deutſche mehr und mehr mit Fremdwörtern zu durchſetzen. Betrachtete man aber dieſes letztere als ein Zeichen der Bildung und der Vornehmheit, ſo iſt es kein Wunder, daß auch der Geringere ſich der Unſitte mit Eifer zuwandte. In allen Lebens⸗ gebieten greift ſo die Verwälſchung um ſich. Ich entſinne mich nicht, eine ſchönere Schilderung dieſes Unweſens geleſen zu haben, als bei Dunger(a. a. O. S. 6); ich laſſe ſie darum wörtlich folgen. Die Trachten wurden franzöſiſch, die Stoffe wurden aus Frankreich eingeführt, na⸗

türlich mit franzöſiſchen Namen, die deutſche Küche wurde von der franzöſiſchen verdrängt,

ſo daß wir jetzt noch mehr Franzöſiſch als Deutſch auf unſeren Speiſekarten zu leſen haben,

die alten deutſchen Tänze erhielten franzöſiſche Namen, das Kriegsweſen, in dem früher

die Deutſchen tonangebend waren, wurde jetzt nach franzöſiſchem Vorbilde umgeſtaltet. Faſt

alle deutſchen Ausdrücke verſchwanden, Heer wurde zuArmee, Aushebung zuConſcription, Angriff zuAttaque, Waldſaum zuLiſière. Von da an ſprach man nur noch von Revuen, Paraden, vonMobiliſieren undDemobiliſieren, vonMilitär⸗Effekten in Arſenal undDepôt, es wurdeavanciert undretiriert,recognosciert undCarré formiert, faſt alleChargen erhielten franzöſiſche Bezeichnungen. Nicht anders war es

*) vgl. W. Wackernagel, Geſch. der deutſchen Litteratur, 2. Aufl. 1877, S. 386 ff. *) Joh. Kelle, die Verwälſchung der deutſchen Sprache, S. 8 ff.