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Maßmann benutzt hat, 83, wozu noch zahlreiche kommen, deren Verfaſſer nicht genannt werden. Ob man wohl für irgend eine fremde Sprache ſo viele Wörterbücher hat, wie für unſere eigene? Iſt es nicht, als wenn die deutſche Sprache für uns allmählich eine fremde geworden wäre?
III.
Sehen wir nun, wie die Fremdwörter in unſere Sprache gekommen ſind. Lateiniſche(und lateiniſch gewordene griechiſche) Wörter aufzunehmen hatten die Deutſchen ſehr früh Gelegenheit, da ſie ſchon vor Chriſti Geburt mit den Römern zuſammenſtießen. Damals, als ſie die Be⸗ kämpften, wie ſpäter, als ſie die Angreifenden waren, übte die römiſche Kultur einen unwiderſteh⸗ lichen Zauber aus— und die Sprache der Beſiegten gab von ihrem reichen Vorrat an die Sieger ab.„Dieſe Entlehnungen von Seite der zwei größten Kulturvölker des Altertums betrafen natürlich auch meiſtens Gegenſtände der höheren Kultur, der militäriſchen, politiſchen, litterariſchen, dann auch Kleidung, Hausweſen, Landbau, Handwerk und Kunſtgewerbe, alles Dinge, in welchen die Germanen von den Römern nur lernen konnten, auch nachdem ſie das Weltreich derſelben zertrümmert hatten.“*) Von Rom iſt den Deutſchen ſpäter auch das Chriſtentum gekommen und mit ihm eine ganze Anzahl von Wörtern, wie Kirche, Prophet, Apoſtel, Märtyrer, Pfaffe, Laie, Prieſter, Mönch, Klausner, Predigt und viele andere.**) Das ſind aber alles Lehnwörter und darum eine Bereicherung der Sprache. Verſuche, das eine oder das andere nachträglich zu ver⸗ deutſchen, werden mit Recht zurückgewieſen. Aber ſchon im 11. Jahrhundert(unter den Ottonen) macht ſich auch franzöſiſcher Einfluß geltend, der noch größer wurde, als die deutſchen Ritter im gemeinſamen Kampfe um das heilige Grab die franzöſiſchen kennen lernten;z von dem feinen Wälſchen nahm der freilich noch ziemlich ungeſchickte Deutſche mit Begeiſterung„höfiſches Weſen und Sprechen (Courtoiſie)“, und namentlich manchen auf den Kampf bezüglichen Ausdruck an. Noch ſchlimmer iſt es in den Dichtungen dieſer Ritter: ihre Lieder(Minneſang), wie ihre erzählenden Gedichte (höfiſche Epik) ſind nach franzöſiſchen Vorbildern geſchaffen, und ſo Vorzügliches ſie namentlich in der epiſchen Poeſie geleiſtet haben, ſo bleibt doch zu bedauern, daß ſie mit einer ſichtbaren Freude franzöſiſche Wörter und Redensarten einmiſchten(neuerdings nachgeahmt von Julius Wolf im Tannhäuſer). Seit der Zeit beginnen z. B. auch die zahlreichen Wörter auf— ieren; J. Grimm***) giebt ihre Zahl auf etwa 160 an;„und als das ieren einmal bei uns warm geworden war, verſuchte man es auch an deutſche Stämme zu hängen und ihm deutſche Partikeln voranzuſchicken; ſo bildete man geſchalmiet, ſich verketzerien u. a.“ Von
Deutſche überſetzt, die auch das Volk lieſt, dringen wieder nicht wenige Fremdwörter ein. Der Verkehr in Kunſt, Wiſſenſchaften und Handel thut freilich auch das Seinige. Aber gefährlicher —
*) Tobler, Die fremden Wörter in der deutſchen Sprache, Baſel, 1872, S. 19. 4*) R. v. Raumer, Die Einwirkung des Chriſtentums auf die althochdeutſche Sprache. Stuttgart 1845, S. 271 ff. ***) Über das Pedantiſche in der deutſchen Sprache, Kleine Schriften, Bd. 1, S. 343 ff.


