Aufsatz 
Für und wider die Fremdwörter
Entstehung
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Anders freilich ſteht es mit vielen Hunderten von Wörtern, die uns zwar gleichfalls in einem durchaus deutſchen Gewande eutgegentreten, aber nichtsdeſtoweniger wirklich aus der Fremde entlehnt ſind. Flöte, Käfig, Almoſen, Kelch, Felleiſen, Schanze, Bankerott, Vielfraß, Niete, Halunke, Dolmetſch, Talg, Ziffer, Tulpe, Juwel, Löwe, matt und viele andere ſehen alle gut deutſch aus, und doch iſt Flöte und Käfig dem Lateiniſchen, Kelch und Almoſen dem Griechiſchen, Felleiſen und Schanze dem Franzöſiſchen, Bankerott dem Italieniſchen, Vielfraß dem Schwediſchen(fäll- fras= Felſenfrettchen), Niete dem Niederländiſchen, Halunke dem Wendiſchen, Dolmetſch dem Polni⸗ ſchen, Talg dem Ruſſiſchen, Tulpe dem Türkiſchen, Ziffer dem Arabiſchen, Juwel dem Perſiſchen, Löwe dem Hebräiſchen, matt dem Perſiſch⸗Arabiſchen schaäh mat(= der König iſt tot) entlehnt. Wenn wir ihnen aber das Ausländiſche nicht mehr anſehen, ſo rührt das daher, daß man in früheren Jahrhunderten noch nicht wie heutzutage ein Wort ohne Weiteres herübernahm und ihm Bürgerrecht verlieh, ſondern ihm erſt ein einheimiſches Gewand und einheimiſchen Klang gab, es alſo erſtumdeutſchte. Alle dieſe Wörter ſind, nachdem ſie deutſch geworden, vollberechtigtes Sprachgut und können nicht mehr angetaſtet werden. Man nennt ſie Lehnwörter.*)

Es bleibt uns aber endlich noch eine nur allzu ſtattliche Reihe von Wörtern, welche ohne umgedeutſcht zu ſein, alſo in ihrem ausländiſchen Gewande und mit ihrem ausländiſchen Klang ins Deutſche eingedrungen ſind, und das ſind die Fremdwörter, deren übermäßige Zahl ſo vielen ein Ärgernis iſt. Ich ſage: die übermäßige Zahl; denn ſehr viele können und müſſen allerdings beſeitigt werden, wenn wir nicht unſere Sprache empfindlich ſchädigen wollen.

Manchem Leſer mag ſich hier die Frage aufdrängen: Haben denn nicht andere Völker dasſelbe gethan? Gewiß; denn kein Kulturvolk kann ſich frei von Lehnwörtern erhalten, wenn es ſich nicht durch eine chineſiſche Mauer von anderen abſchließen will. Und doch giebt es nur bei uns Deutſchen eine Fremdwörterfrage? wie kommt das? Weil andere Völker es im allgemeinen noch heute ſo machen, wie die Deutſchen vor Jahrhunderten: ſie bilden das fremde Wort nach den Laut⸗ und Formbildungsgeſetzen ihrer eigenen Sprache um und nehmen ihn erſt dann, wenn ſie es ſo ſich mundgerecht gemacht und ihm das Ausländiſche genommen haben, als vollberechtigt auf. So iſt z. B. das franzöſiſche guerre aus dem deutſchen Wirre, boulevard aus Bollwerk, fauteuil aus Faltſtuhl, drogue aus niederdeutſch drög(=trocken), italieniſch fresco aus friſch, scherzo aus Scherz u. ſ. w. entſtanden. In der verwälſchten Form haben wir dann dieſe und andere Wörter als etwasExtrafeines wieder aufgenommen gleichwie manches Erzeugnis deutſchen Gewerbfleißes durch den ausländiſchen Stempel gangbarer wird. Auch der Engländer verſteht es ſich fremde Wörter mundgerecht zu machen; nimmt er z. B. das franzöſiſche distance auf, ſo ſpricht er es auf ſeine Art aus; der Deutſche aber, der dasſelbe Wort entlehnt, bemüht ſich es franzöſiſch auszuſprechen. Dieſer verlor eben im Laufe der Zeit den Widerwillen gegen den fremden Klang und die Ehrfurcht vor ſeiner eigenen Sprache und fand eine beſondere Genugthuung darin, Zunge und Ohr an das Fremde zu gewöhnen; und ſo hat es in Deutſchland urſprünglich nur Lehnwörter gegeben, ſpäter aber ſind die Fremdwörter gekommen und die Fremdwörterbücher; das erſte ſchon im Jahre 1572. Die Zahl der vorhandenen Fremdwörter⸗ bücher beträgt nach Dunger**), der ſeinerſeitsein allerdings ſehr unvollſtändiges Verzeichnis von

*) Zuſammengeſtellt v. Konrad Roßberg: Die deutſchen Lehnwörter in alphabetiſcher Ordnung. Hagen i. W. und Leipzig, 1881. **) Hermann Dunger, Wörterbuch von Verdeutſchungen entbehrlicher Fremdwörter u. ſ. w. Leipzig 1882; S. 6.