Aufsatz 
Für und wider die Fremdwörter
Entstehung
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werden, reden kann, wie man es für ſchön findet, dieſes zu verpönen fällt mir natürlich nicht ein. Nur die leidige Vornehmthuerei durch Häufung von Fremdwörtern mag verbannt werden.

Die Sache hat aber endlich auch noch eine nationale Seite. Nicht als ob man nicht ein guter Deutſcher ſein kann, auch wenn man Fremdwörter gebraucht: unſere Beamten und Offiziere ſind darum nicht minder patriotiſch, weil gerade ſie viel Fremdwörter gebrauchen. Aber iſt eine ſolche Miſchſprache eines großen und mächtigen Volkes würdig? Iſt der Spott, den andere Völker an ihr üben, nicht wohlverdient?Von Engländern muß man ſich ſagen laſſen, unſere Sprache ſei kaum noch deutſch; von den Franzoſen muß man hören, daß wir nun zwar ein deutſches Reich hätten, daß aber die armſelige deutſche Sprache doch voll ſei von franzöſiſchen Fremdwörtern, die ſie nicht entbehren könne; daß ſo die großartige Überlegenheit des franzöſiſchen Volkes glänzend zum Ausdruck käme.*) Anders freilich, aber um ſo vorwurfsvoller, lautet ein Urteil aus der Zeit vor dem letzten Kriege, das der deutſche Sprachwart(Bd. 1, 1866, S. 164) aus der Revue germanique mitteilt.Mit einem faſt unvergleichlichen Reichtum, der ihr in der Poeſie in bewun⸗ dernswerter Weiſe zu ſtatten kommt, weiß ſie ſich nicht zu beſchränken, und zeigt ſich immer bereit Worte, die ſie nicht nötig hat, aus fremden Sprachen, und beſonders aus der franzöſiſchen, zu entlehnen. Auch die Slaven beginnen allgemach über diedeutſche Culturſprache zu ſpotten. Im vorigen Jahre erzählte der Slowenski Narod, ein czechiſches Batt, wie eine deutſche Dame aus Hannover in Wien ein deutſches Dienſtmädchen gemietet, wie ſie aber in ihrerWeltſprache ſich nur ſchwer hätten verſtändigen können. Eines Tages nun habe erſtere der letzteren aufge⸗ tragen folgende Dinge zu holen: Meerrettig, Pflaumenmus, Papierdüten, Blumenkohl, weiße Bohnen und Bindfaden. Das erſtaunte Mädchen aber beteuerte ſein Lebtag von ſolchen Dingen nichts gehört zu haben; die gebe es gar nicht in Wien. Die Dame, ſchließlich ungeduldig, habe ſich dann ſelbſt auf die Suche begeben und nach mancherlei Schwierigkeiten und ſprachlichen Ausein⸗ anderſetzungen erfahren, daß dieſe Dinge allerdings in Wien unbekannt ſeien, weil ſie dort allgemein Kren, Powidl, Skarnitzel, Carfiol, Fiſolen und Spagat hießen! Das Blatt bemerkt darauf, daß die erſten drei Wörter verballhornte ſlaviſche Bezeichnungen ſind, während die letzten drei aus dem Italieniſchen ſtammen.Und dieſes Kauderwelſch, ſchließt es,möchten die Wiener uns Slaven alsdeutſche Culturſprache aufzwingen(nach der Tägl. Rundſchau, 1883, S. 276). Dieſes Geſchichtchen bezeichnet genanntes Blatt als verbürgte Thatſache; aber auch wenn es erfunden wäre, würde uns dennoch deutlich genug die Mahnung daraus entgegenklingen, aus Rückſicht auf die nationale Ehre unſere Mutterſprache von den entbehrlichen Fremdwörtern zu ſäubern.

II.

Welche Wörter ſind denn nun Fremdwörter? Bisweilen hielt man auch ſolche Wörter dafür, die unleugbar indogermaniſches Eigentum, alſo von den Deutſchen ebenſo aus der urſprüng⸗ lichen, gemeinſamen Heimat, dem inneren Hochaſien, mitgebracht ſind, wie von den Slaven und Romanen. Wörter wie: Naſe, Thür, Thor, Name, Mond, Monat, Weſte, ſatt und viele andere

Sprachen ſich verwandte Formen finden: ſie ſind alle ſchon nachweisbar im Sanskrit, der älteſten der indo⸗europäiſchen(d. h. der griechiſchen, lateiniſchen, ſlaviſch⸗littauiſchen und germaniſchen) Sprachen.

*) Herman Riegel, Ein Hauptſtück von unſerer Mutterſprache, Leipzig 1883, S. 23.