Aufsatz 
Über die Behandlung der geometrischen Grundbegriffe / Kutsch
Entstehung
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Denken wir uns in die ſinnlich wahrnehmbare Welt eingeführt: ſo geht zunächſt von dem Stoffe(der Materie) alle Einwirkung auf unſere Sinne aus, an ihm alſo haften alle ſinn⸗ lichen Vorſtellungen. Daß hierin gleichwohl kein Grund zu erblicken iſt, die Materie ſelbſt alseine ſelbſtſtändige Größen⸗Art anzuſehen, ergibt ſich ſchon daraus, daß wir auch nicht einen beſtimmten Stoff, z. B. Silber, Holz oder Waſſer, je als eine beſondere Art von Größen auf⸗ ſtellen, und zwar aus dem guten Grunde, weil die Vorſtellung, welche wir von der Größe irgend eines Stückes Silber haben, dieſelbe iſt, als welche auch ein gewiſſes Stück Holz oder eine gewiſſe Maſſe Waſſers in uns erzeugt. Wir bilden uns hier eine gewiſſe Abſtraction, welche eben die Vorſtellung der Raumgröße*) mit ſich bringt. Durch Abſtraction alſo kommen wir auf den Raum inſoſern, als hierbei von allen übrigen Eigenſchaften der Materie(wie Gewicht, Farbe, Temperatur ꝛc.) den ſogenannten phyſiſchen Eigenſchaften derſelben völlig abgeſehen wird. Der Hergang dieſer Abſtraction ſelbſt wird ſich freilich, wollte man die Vermittelung concreter ſinnlicher Vorführung der betreffenden Gegenſtände conſequent gänzlich verſchmähen, gar nicht beſchreiben laſſen; ja es wäre ſogar eine wirkliche Abweichung, ein Auseinandergehen während dieſes Proceſſes der Abſtraction in der Art denkbar, daß der Eine etwa auf diejenige Eigenſchaft des phyſiſchen Körpers, welche man mit dem Ausdruck»Schwere bezeichnet, geriethe, während der Andere die Raumerfüllung im Sinne hat. Denn ſowohl das Gewicht des Körpers als der von ihm eingenommene Raum ſtellen eine Größe vor. Eine Definition für das Weſen der Eigenſchaften, die wir alsphyſiſche derjenigen Eigenſchaft der Materie, welche darin beſtehen ſoll, daß ſie einen Raum beſitze oder Raum einnehme, entgegenſetzen, läßt ſich nämlich, falls die Auseinanderhaltung dieſer Begriffe durch eine beider⸗ ſeitige gemeinſame Zurückführung auf einfachere Begriffe oder Vorſtellungen vermittelt werden ſoll, ungeachtet aller möglicherweiſe zu verſuchenden Umſchreibung durch Worte durchaus nicht erzielen; man würde ſich nur im logiſchen Zirkel drehen, wenn man ſagen wollte:phyſiſche⸗ Eigenſchaften ſeien alle diejenigen, welche nicht darin beſtehen, daß die Materie raumerfüllend iſt, und:»Raum« ſei das, was da übrig bleibe, wenn man die Materie aller ihrer phy⸗ ſiſchen Eigenſchaften beraubt ſich denke. Seinen Grund hat dieſer Umſtand eben darin, weil der Raum ſelbſt eine der einfachſten Vorſtellungen(Grundanſchauungen) enthält. Was würde man von einer vermeintlichen Definition wie die:»Unter Raum verſtehe man dasjenige, was durch die Materie erfüllt wird,« oder:»Ein Raum ſei dasjenige, was da, wo irgend ein phyſiſcher Körper, ein Stück Holz oder dergl., ohne daß ein anderer ſolcher für ihn Erſatz leiſtend gedacht würde, hinweggenommen werde, in unſerer Vorſtellung übrig bleibe« u. dgl. m. zu halten haben? Die Antwort liegt nahe. Nämlich ſobald ich Ausdrücke wie verfüllen, voll machen, voll, einneh⸗ men« gebrauche, ſetze ich, indem ſie ſelbſt nur räumlichen Vorſtellungen entnommen ſind, die Vorſtellung des Raumes ſelbſt ſchon bei dem Andern voraus, und daſſelbe findet, wenn auch

*) Hier dasjenige, was hernach als»mathematiſcher Körper« bezeichnet wird.