Aufsatz 
Vier mittelalterliche Handschriften
Entstehung
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Vier mittelalterliche Handschriften.*) Von Dr. Ferdinand Kuhl.

Die vier Handschriften, die hier besprochen werden sollen, sind auf sog. südländisches Pergament geschrieben, welches sich von dem in den nördlichen Ländern gebrauchten dadurch unterscheidet, daſs die beiden Seiten verschieden sind. Während nämlich die äufsere, unbeschriebene Seite gelblich grau ist, zeichnet sich die innere durch ihre weiſse Farbe und Glätte aus. ¹) Indessen können sich unsere Rollen, was die Feinheit des Materials anlangt, bei weitem nicht mit dem berühmten italienischen Pergament vergleichen.

Die Manuskripte sind juristische Instrumente, welche in lateinischer Sprache abgefaſst sind. In der Form stimmen sie ziemlich genau mit einander überein, ob- wohl sich der Zeitraum, in dem die Dokumente entstanden sind, über nahezu zwei Jahrhunderte erstreckt(1335 1527). Der AnfangNotum sit cunctis oderNoverint Universi läfst sie als Aktenstücke erscheinen, die zur allgemeinen Kenntnis gelangen sollten. Man wird jedoch nicht irre gehen, wenn man in diesen Redensarten nur einen stereotyp gewordenen Eingang zum folgenden erblickt, ganz so wie man der- gleichen Formeln heutzutage in ähnlichen Schriftstücken findet. Auf diese Einleitung folgt dann die Identifizierung der Kontrahenten, bezw. der anwesenden Zeugen oder auch die genaue Angabe der Zeit, zu welcher die Urkunde abgeschlossen wurde.

*) Ein früherer Schüler hiesiger Realschule, Friedrich Scheuch aus Barcelona, Sohn des dortigen amerikanischen Konsuls, Herrn Scheuch, hat im Oktober v. J. seiner Dankbarkeit gegen die Anstalt und ihre Lehrer auch dadurch Ausdruck geben wollen, dafs er der Lehrerbibliothek fünf von seinem Vater in Barcelona gesammelte mittelalterliche Handschriften zum Geschenk machte. Ich habe geglaubt, die- selben nicht unbesehen katalogisieren, sie vielmehr vor ihrer Einverleibung in die Bibliothek auf ihren inneren Gehalt und Wert untersuchen lassen zu sollen. Auf meine entsprechende Bitte übernahm Herr Dr. F. Kuhl die mühevolle Aufgabe und erstattete zunächst in einer Konferenz des Kollegiums am 1. Februar d. J. Bericht über das Resultat seiner Untersuchungen bezüglich der vier bedeutendsten der Handschriften. Beim Anhören dieses Berichts drängte sich andern und mir die UÜberzeugung auf, daſs es doch schade sei, wenn die Frucht so vielen Fleiſses und so grofser Gründlichkeit nur etwa in der Bibliothek neben den Pergamentrollen ruhen solle. Ich ersuchte darum Herrn Dr. Kuhl, sein Manuskript so umzuformen, dafs es im diesjährigen Jahresbericht veröffentlicht werden könne. Nach einigem Zögern ging derselbe darauf ein, und so erscheint denn diese Arbeit im Druck, jedenfalls als eine willkommene Bereicherung unsers Jahresberichts.

Herrn Dr. F. Kuhl aber spreche ich hiermit für seine liebenswürdige Bereitwilligkeit, in diesem Falle wie in so vielen andern die Interessen der Anstalt opferwilligst zu fördern, meinen herzlichen Dank auch öffentlich aus..

Gleichzeitig entbiete ich dem nunmehr in Amerika weilenden Herrn F. Scheuch nebst wieder- holtem Dank deutschen Grufs und Handschlag. Wiegand.

¹) Das Pergament, welches während des Mittelalters in Deutschland und Nordfrankreich fast durchweg zur Verwendung kam, war dicker und rauher als das uns vorliegende. cf. Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter, Leipzig 1871, pag. 78 ff.