Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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arrangiren. Dasselbe wurde eingeleitet durch eine Schulfeier, die um 11 ½ Uhr in der festlich ge- schmückten Aula begann und die durch Mitwirkung unseres bekannten QCuartett-Vereins in nicht ge- ringem Masze gehoben und verschönert wurde. Nachdem nach dem ersten Gesange(Psalm von Schnabel) ein Ober-Primaner im Namen seiner Mitschüler den Gefühlen der Dankbarkeit und Liebe, von welchen Alle sicherlich beseelt waren, herzlichen Ausdruck gegeben hatte, richtete der nun- mehrige erste Oberlehrer, Herr Dr. Volkenrath, aus tief bewegtem Herzen die Worte des Ab- schiedes an seinen scheidenden b'reund und Collegen. Zwei Seiten des Charakters waren es vorzüg- lich, die Redner am Jubilar hervorhob, seine hohe pädagogische Befähigung, seine von edler Begei- sterung getragene Tüchtigkeit im Amte und sodann seinen edlen Patriotismus, der in Freud und Leid mit den Geschicken des Vaterlandes verknipft blieb. Von dem Grundsatze ausgehend, dass die tüchtige Persönlichkeit des Lehrers die zuverlässigste Garantie bilde für das Gelingen pädagogischer Bemühungen, führte der Redner weiterhin aus, wie aus der innerlichen Berufung zum Lehramte die Befähigung sich entwickle, die beiden Fundamentalaufgaben der Erziehung zu erfüllen, die Zucht der Liebe und die Zucht der Wahrheit. In Bezug auf den zweiten Punkt entwarf der Redner mit markigen Zügen ein lebensvolles Bild der politischen Zustände Deutschlands von 1815 1870, jener Reihe von Jahren, die reich waren an Thaten der Erniedrigung und Erhebung für jedes deutsche Herz, die dem warmen, nie verzagenden Patrioten endlich in der Einheit des deutschen Reiches und dem wie- dererstandenen Barbarossa die schönste Genugthuung gewährten für sein treues Festhalten am deut- schen Vaterland. Endlich hob der Redner noch die besondere Verdienste hervor, welche der Jubilar sich um sein Lieblingsstudium, die Naturwissenschaften, erworben, deren mächtige Entwicklung in der Neuzeit auf alle Zweige des Wissens immer fördernder und befruchtender einwirke. Nun folgte ein Lied der Schüler, welches vom Gesanglehrer Herrn Forschbach besonders diesem Feste angepaszt worden war, worauf der Jubilar selbst die Tribüne der Schule bestieg, um von dieser Stätte aus die letzten Worte zu richten an seine Schüler, seine Collegen und Mitbürger. Es war ein rührender Anblick, zu dem altbewährten Redner, der in seinen jungen Tagen so oft seine flammenden Worte zündend in die Herzen seiner Zuhörer geschleudert hatte, emporzuschauen, wie derFeuerkopf'(so nämlich pflegte man ihn oft scherzweise zu nennen) wieder erglühte in jugendlicher Begeisterung, wie seine Stimme bald voll und mächtig in alter Kraft dahin rollte, bald leicht zitternd die tiefste Bewegung seiner Seele bekundete. Er sprach von der inneren Berufung des Lehrers, von der Heiligkeit seines Amtes, er sprach davon, dasz das blosze Wissen ohne Herzensbildung eitel sei und ermahnte die Schüler, nicht der in kalter Farbenpracht glänzenden Geor- gine gleichen zu wollen, sondern der unscheinbaren, aber Leben duftenden Reseda, die zwar in ihrem grauen Aschenbrödel-Kleidchen unser Auge kaum auf sich lenke, aber desto herrlicher uns erquicke durch ihren belebenden Dukt, ihre köstliche Seele. Seine Collegen bat er, sie möchten ihn doch noch immer zu den ihrigen zählen, und den Bürgern Mülheims versicherte er, dasz ihre Stadt seine zweite Heimath geworden sei, in welcher er das Liebste gefunden und zu Grabe getragen hätte und deren Entwicklung er bis an sein Lebensende mit regster Theilnahme folgen würde. Den Schlusz der Schulfeier bildete der vom Quartett-Verein vorgetrageneFestgesang an die Lehrer(Composition von Mendelssohn:An die Künstler.)

Gefühllos für der Musen Klänge;

Hebt ihr empor sie aus dem Schlamme! Der Bildung heil'ge Orifamme

Schwebe voran ihr immerdar!

Dyer Volkskraft Würde ist in Eure Hand gegeben, Bewabhret sie!

Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben. Der Jugend unentweih'te Kraft

Euch ist die hehre hingegeben;

Des Landes hoffnungsvollste Söhne O lasst aus ihr empor sich heben

Führt sie zu Mannesmuth und Pflicht,

Den Geist, der Groszes schafft.

Von seiner Zeit verstoszen, wähle

Der Scelenfrieden Eure Säle

Und finde Schutz in Eurer Schüler Schaar. Von Gier zu Gier jagt sich die Menge

Und schafft, dasz Kunst ihr Sein verschöne, Um andere Kronen bublet nicht!

Auf tausendfach verschlungnen Wegen,

Ob einst sie trenne Gut und Stand,

Führ' stets umarmend sie entgegen Begeisterung für's Vaterland.