Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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Ge ſch i chit tet.

Die Darſtellung Tſchudi's hatte den Dichter poetiſch geſtimmt und für die dramatiſche Be⸗ handlung derſelben gewonnen. Er war ſich deſſen klar bewußt, daß der Apfelſchuß ein Märchen war; es konnte ihm eben ſo gleichgültig ſein, daß ein Tell niemals in Uri exiſtirte, ein Geßler niemals Landvogt in Küßnacht war, und daß die Gründung der Eidgenoſſenſchaft in einer ganz andern Weiſe vor ſich gegangen, als der novellenhafte Tſchudi ſie überliefert hat. Der Dichter fand eine Sage vor, die ihn poetiſch ſtimmte, die in den Herzen des Schweizervolkes lebte und leben wird, ſo lange die Berge ſteh'n das war ihm genug, um ſie dichteriſch zu verherrlichen. Auch der Wärme unſerer Empfindung für das Drama wird die hiſtoriſche Wahrheit keinen Abbruch thun, ſondern ſie wird vielmehr geeignet ſein, das ſinnige Wirken des Volksgeiſtes in der Aufnahme und ſagenhaften Geſtaltung der geſchichtlichen Exeigniſſe zu belauſchen. naln 9

Unter den vielen hiſtoriſchen Kritikern, welche ſich mit der Telsſags und der Gründung der Eidgenoſſenſchaft beſchäftigt haben, erwähnen wir Ideler, Häuſer, Huber, Viſcher, Rilliet, K. Meyer, v. Liebenau und neuerdings G. Meyer von Knonau ie Fauſan Vortrage:die Sage von der Be⸗ freiung der Waldſtätte(1873), dem wir hier in aller Kürze folgen.. e gee maicht

Die Ausgangsſtelle des Bundes iſt Uri, wo freie und unfreie Anſiedler der Abtei Zürich im Laufe der Jahrhunderte eine Gemeinſchaft gebildet hatten, welcher 1231 durch den Koͤnig Heinrich, Sohn Friedrich's II., für alle Zeiten die Reichsunmittelbarkeit zugeſichert worden war. Im Jahre 1240 verſprach Kaiſer Friedrich II. auch den freien Leuten von Schwyz einen Freiheitsbrief von derſelben Bedeutung. Nur Unterwalden ſtand um dieſe Zeit gegen die reichsfreien Nachbarländer zuruͤck; denn hier, in den Thälern von Sarnen und Stanz herrſchte das kräftige Geſchlecht der Grafen von Habsburg. Nun hatte in den letzten Kämpfen des Staufiſchen Hauſes der Graf Ru⸗ dolf von der jüngeren Linie, der in Unterwalden herrſchte, die Partei des Kaiſers verlaſſen und ſich den Welfen angeſchloſſen. Da erhoben ſich auf Ghibellinen⸗Seite die Leute von Luzern, von Schwyz, von Sarnen und von Stanz gegen den Habsburger, und es wurde manch harter Strauß für Kaiſer und Papſt an den Ufern des Vierwaldſtätter See's ausgefochten. Der Habsburger wandte ſich an den päpſtlichen Stuhl um Hülfe, ſeine Gegner an das Reichsland Uri, und ſo entſtand eine Bun⸗ desgenoſſenſchaft in den drei Landen, geſchloſſen für Kaiſer und Reich. Jahrelang dauerten dieſe Kämpfe, bis das edle Geſchlecht der Hohenſtaufen unterlag und mit ihm ſeine freiheitliebenden An⸗ hänger in Schwyz und Unterwalden; nur Uri blieb ſelbſtändig. Als nun der Habshurger Rudolf ſelbſt den Thron beſtieg, beſtätigte er zwar den Urnern ihren Freibrief, nicht aber den Schwyzern, in deren Land er ſeine Güter hatte, die er noch durch geſchickte Unterhandlungen bedeutend vermehrt hatte. Allein ein halbes Jahr nach ſeinem Tode, am 1. Auguſt 1291, traten die Land⸗ ſchaften Uri, Schwyz und Nidwalden zum ewigen Bündniß zuſammen, zur Er⸗ neuerung alter Vereinigung, d. h. des Bundes aus der Zeit der ghibelliniſchen Kämpfe. Von Adolf erlangten die Schwyzer und Urner eine Verbriefung ihrer Reichsunmittelbarkeit, allein Adolf fiel, und ſo waren ſie genöthigt, ſich 10 Jahre lang der Uebermacht Albrecht's zu beugen. Selbſt Uri erhielt keine Beſtätigung ſeiner Reichsfreiheit. Das mächtige Habsburg⸗Oeſterreich konnte jetzt daran denken, ſeine Herrſchaft ungehindert in den oberen Landen aufzurichten. Während dieſer Zeit war vollſtändiger Friede zwiſchen Herrſcher und Beherrſchten, der durch keine Kämpfe getrübt wurde. Um dieſelbe Zeit war Werner der Freie von Attinghauſen Landammann in Uri, während in Schwyz das angeſehene Geſchlecht der Ab Iberg und Stauffach daſſelbe Amt bekleideten. Albrecht war beſchäftigt mit den Vorbereitungen zu einem Feldzuge gegen Böhmen, als er am 1. Mat 1308 Angeſichts ſeiner Stammburg ermordet wurde. Gleich nach Albrechts Tode erhoben ſich die Waldſtätte wieder und traten auf die Seite Heinrichs von Lützelburg als des natürlichen Gegners Oeſterreichs. Als nun 1314 zwiſchen Friedrich von Oeſterreich und Ludwig von Baiern die Koͤnigswahl ſchwankte, traten die Waldſtätte natürlich für letzteren ein, weßhalb Herzog Leopold von Oeſterreich ſie mit Waffengewalt zu unterwerfen verſuchte. Da wurde denn endlich der Entſcheidungskampf ſo langen Strebens nach Reichsfreiheit gemeinſchaftlich ausgefochten, Schwyz voran, dem ſich das ſchwächere Unterwalden freudig anſchloß und dem das weniger von der Streitfrage berührte Uri den Rücken deckte. Der Sieg der Schwyzer am Morgarten 1315 und der ewige Bund in Brunnen beſiegelte