Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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des folgenden Jahres kam er wieder auf den Tell, den ihm das Gerücht längſt beigelegt hatte. Am 10. Mai ſchreibt er an Goethe, daß ihn ſeit ſechs Wochen ein neuer Gegenſtand mit einer Kraft und Innigkeit angezogen, wie es ihm lange nicht begegnet ſei. Am 6. Mai lieh er aus der Wei⸗ marer Bibliothek Haller's Bibliothek der Schweizergeſchichte und des Aegidius Tſchudi(1505 1572) Chronicon Helveticum. Durch das Studium dieſes letztern Buches ging dem Dichter, wie er an Körner ſchreibt, ein Licht auf, da der treuherzige, herodotiſche, ja faſt homeriſche Geiſt dieſes Chro⸗ niſten ihn poetiſch geſtimmt habe.Ob nun gleich, ſo ſchreibt er weiter,der Tell einer drama⸗ tiſchen Behandlung nichts weniger als günſtig ſcheint, da die Handlung dem Ort und der Zeit nach ganz zerſtreut auseinander liegt, da ſie größtentheils eine Staatsaction iſt, und, das Märchen mit dem Hut und Apfel ausgenommen, der Darſtellung widerſtrebt, ſo habe ich doch bis jetzt ſo viele poetiſche Operationen damit vorgenommen, daß ſie aus dem Hiſtoriſchen heraus in's Poetiſche ein⸗ getreten iſt. Uebrigens brauche ich Dir nicht zu ſagen, daß es eine verteufelte Aufgabe iſt; denn wenn ich auch von allen Erwartungen, die das Publikum und das Zeitalter grade zu dieſem Stoffe mikbringt, wie billig abſtrahire, ſo bleibt doch eine ſehr hohe poetiſche Forderung zu erfüllen, weil hier ein ganzes lokalebedingtes Volk, ein ganzes und entferntes Zeitalter und was die Hauptſache iſt, ein ganzes örtliches, ja beinahe individuelles und einziges Phänomen mit dem Charakter der höchſten Nothwendigkeit und Wahrheit ſoll zur Anſchauung gebracht werden. Indeß ſtehen ſchon die Säulen des Gebäudes feſt, und ich hoffe, einen ſoliden Bau zu Stande zu bringen.

Die Chronik Tſchudi's war dem Dichter eine vorzügliche Quelle. Er entlieh ihr nicht nur den ganzen Stoſſe den er brauchte, ſondern, da die Darſtellung des Chroniſten ſelbſt dramatiſcher Natur war, ganze Scenen, wobei er die alterthümlichen Ausdrücke ſo viel wie möglich beibehielt. Solche Scenen ſind die That Baumgartens, die Unterredung Stauffachers mit ſeiner Gattin, die Schließung des Bundes der drei Männer, die Scene des Apfelſchuſſes, die Ermordung des Kaiſers durch Par⸗ rieida.Daneben las der Dichter Etterlins(1507) und Stumpf's( 1566) Chroniken und Johannes von Müller's Geſchichten Schweizeriſcher Eidgenoſſenſchaft. Um die Natur und Beſchaffenheit des Landes, die Sitten und Gebräuchen ſeiner Bewohner gründlich kennen zu lernen, ſtudirte er die Naturgeſchichte des Schweizerlandes von J. Scheuchzer, 1746. Schilderungen der Gebirgsvölker der Schweiz von J. H. Ebel 1798 1802). Dann ſoll ihm Graſſer's Schweizeriſch Heldenbuch(1615) wegen der Kupferſtiche beſonders gefallen haben, auch ſoll erdie Briefe über die Schweiz von L. Meiners(1791. 4 Bände) geleſen haben. 2 aaan 1 471 11687

Welch' eine Gewiſſenhe t welch' ein Fleiß, welche Arbeit mögen wir da wohl anerkennend und bewundernd ausrufen! In der That iſt der Dichter Schiller auch darin ein Muſter für uns alle, daß er mit den glänzendſten Talenten, mit ſeinem unſterblichen Dichtergenius einen außeror⸗ dentlichen Fleiß und die ſtrengſte Gewiſſenhaftigkeit der Arbeit verband, Eigenſchaften, die um ſo hoͤher zu ſtellen ſind, als der Dichter von ſchwächlicher Geſundheit war. 3 Im Januar 1804 ſandte Schiller den erſten Aufzug an Goethe, der nicht genug dasfür⸗ treffliche Stück loben konnte und Iffland ſchrieb voll Enthuſiasmus:Ich habe geleſen, verſchlungen, meine Knice gebogen und mein Herz, meine Thränen, mein jagondes Blut haben Ihrem Geiſt, Ihrem Herzen mit Entzücken gehnldigt. O bald, bald mehr! Welch' ein Werk! Welche Fülle, Kraft, Blüthe und Allgewalt! Gott erhalte Sie! Amen.

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Im März war das ganze Drama vollendet und am 17. März fand die erſte Aufführung in Weimar ſtatt. Der Eindruck war ein mächtiger und auch in Berlin wurde es noch im Juli des⸗ ſelben Jahres mit ungeheurem Applaus aufgeführt. Der Kritiker A. W. v. Schlegel, überwältigt von dem großartigen Eindrucke des Stückes, ſagte, es ſei nach ſeiner Anſicht das vortrefflichſte von Schiller's Werken, und dieſe herzerhebende Dichtung, ſollte im Angeſichte von Tell's Kapelle, am Ufer des Vierwaldſtätterſee's, unter freiem Himmel, die Alpen zum Hintergrunde, dargeſtellt werden.

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