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Schweizernatur in den Tell aufgenommen iſt, das durch eigene Anſchauung zu finden, war einer meiner größten Reiſegenüſſe. Auf meinen Kreuz⸗ und Querfahrten hab' ich faſt für alle einzelnen Züge des Gedichtes ein Analogon gefunden, und habe nichts von Belang erlebt, was nicht in ihm ſchon vorgebildet geweſen; und in der That, der blaue Spiegel der Seen im glänzenden Kranz himmelhoher Berge, muß dich in ſeine unendliche Tiefe zu verſenken angelockt haben, du mußt gleich dem Gemſenjäger die Welt durch den Riß der Wolken erblickt, von Fels zu Fels den Wageſprung gethan, und in den ewigen Schneegefilden, wo nur der heiſere Lämmergeier krächzt, die grüne Matte, die Oaſe im Eis erreicht haben, um ganz die Herrlichkeit dieſes Werks zu empfinden, das uns aus der Ferne wie ein ideales Bild der Einbildungskraft, in der Nähe durch ſeine treue, warme Natur⸗ wahrheit hinreißt. Der Dichter gebraucht kein Bild, das nicht der Alpenwelt entlehnt iſt, keines, das ſich nicht hier jedem ſinnigen Gemüthe aufdrängt, von den Eispaläſten der donnernden Gletſcher, den Kulmen an, bis zu der Alpenroſe, die in der Sumpfesluft bleicht und verkümmert, ſo wie für den Tell kein Leben iſt, als im Licht der Sonne, im Balſamſtrom der Lüfte, und mit dem jungen Melchthal möchteſt du weinen, um den, der fühlend in der Nacht ſitzen muß, nicht mehr ſchauend die rothen Firnen, nicht mehr erquickt vom Grün der Matten, von der Blumen Schmelz! Ob es der Dicßee bewußt hat, wie jene von allen Seiten herunterbrauſenden Waſſerſtreifen gefärbt ſind, als er ſchrieb:
„Den Durſt mir ſtillend mit der Gletſcher Milch, Die in den Runſen thürmend niederquillt!“
Guſtav Schwab ſagt ſehr ſchön, daß die Natur in Tell ſich ſo abſpiegelt, daß Jeder, der jenes Stück früher geleſen hat, wenn er nun die Gegenden ſieht, ſchon einmal im verklärten Traume ſie geſchaut zu haben meint. Man hat vielfach dem Dichter zum Vorwurf gemacht, daß er das Schweizervolk mit ſo vielen Tugenden ausgeſtattet habe, die ihm nicht mit Recht zukämen. Wohl mag mancher Touriſt auf der gewöhnlichen Heerſtraße nicht den der Väter würdigen Abkömmlingen der Stauffacher, der Walther Fürſt ꝛc. begegnen, allein der Kern des Volkes iſt und bleibt ein ge⸗ ſunder, edler, voll Wahrheitsliebe, Treue und Gaſtfreundſchaft und begeiſtert für die Freiheit. Und ſelbſt, wenn jene Behauptung begründet wäre, ſo wäre der Vorwurf gegen den Dichter ein unge⸗ rechter. Der Verfaſſer der Genfer Novellen, Rudolf Töpffer, erzählt an einer Stelle in ſeiner No⸗ velle:„Der Engpaß von Anterne“, wo er als Touriſt in einem verbrecheriſchen Dorfe Raſt machte, deſſen Einwohner im Bagno ſaßen, und das ihm daher wie ausgeſtorben vorkam:„Ich ſaß an dem Quell und bewunderte die perlende Chriſtallhelle deſſelben, ich ſagte mir, daß die guten Leute, die ich nicht daheim traf, im Forſte arbeiteten, oder in ihren Ställen beſchäftigt wären, oder ihre zahl⸗ reichen Heerden auf den fernen Triften weideten. Wie vermöchte man ſich in dieſer Abgeſchiedenheit, unter dieſen lieblichen Schatten ein Volk vorzuſtellen, das von jenen Plagen heimgeſucht iſt, welche an der Einwohnerſchaft großer Städte nagen! Wie könnte man im Schooße der Hochalpen nicht an jenen Zauber der Unſchuld glauben, die man hier als an ihrer unverletzlichen Freiſtätte ſucht! Und mag er auch manchmal getäuſcht werden, dieſer Glaube kehrt einem immer wieder, das heißt uns, den Leuten aus den Städten, weil dieſe erhabene Natur uns bewegt, weil das Schweigen der Berge zu uns redet, unſer Herz ſich erhebt, ſich frei von allen Schlacken macht und gleichſam ſeine urſprüngliche Unſchuld wieder annimmt, wo es dann das Böſe, die Laſter, die verworfenen Leiden⸗ ſchaften nicht mehr faſſen kann und alle Dinge mit jenem Zauber bekleidet, der es berauſcht.“
Entſtehung des Drama's und Quelle deſſelben.
Die erſte Hinweiſung auf dieſen Gegenſtand fand durch Goethe ſtatt, der nach ſeiner Schweizer⸗ reiſe 1797 ſeinem Freunde Schiller eine lebhafte Schilderung ſeines Tell gab, den er epiſch zu be⸗ handeln beabſichtigte. Goethe ließ dieſes Thema, wie Alles, was er nicht gleich in Angriff nahm, wieder fallen, und auch Schiller mochte wohl den Inhalt jenes Geſpräches wieder aus den Augen verloren haben, als im Jahre 1801 die Sage ſich verbreitete, Schiller arbeite an einem Tell, und in Folge deſſen Anfragen von verſchiedenen Bühnen an ihn ergingen. Allein der Dichter wurde durch die Braut von Meſſina und andere Arbeiten von dieſem Gegenſtande abgezogen. Erſt im Anfange


