Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

klang zu bringen und zu einer feſten Einheit zu verſchmelzen waren. Dieſen ſo überaus ſchwierigen Punkt löſte der Dichter, wenn auch nicht vollſtändig nach den hergebrachten Begriffen der Kunſt (denn dazu war der an ſich verſchiedenartige Stoff nicht geeignet), aber doch in einer herrlichen Weiſe. Was nie ein Dichter vor ihm gewagt hat, auch der unſterbliche Britte nicht, das wagte Schiller in kühner Geſtaltungskraft. Nicht der einzelne Tell, ſondern ein ganzes Volk wird der Held des Stückes. Alle ſtehen gleichmäßig auf dem Boden des Rechtes, das ſie inſtinktiv in jedem einzelnen Falle erkennen und ausüben, alle Stände ſtehen neidlos nebeneinander, ſind von gleicher Liebe erfüllt zum gemeinſamen Vaterlande, und obwohl ſie das Härteſte erdulden müſſen, ſind ſie alle von gleicher Mäßigung im Siege. Die erſte Culturſtufe mit ihrer Unſchuld, ihrem faſt unbe⸗ wußt ſich äußernden Rechts⸗ und Freiheitsſinne, in allen Ständen, in jedem Alter nimmt hier reales Leben an. Darum iſt auch die Rütliſcene die impoſanteſte und der Kernpunkt des Stückes. So konnte Tell nicht zum dramatiſchen Held des Stückes werden, zu einem modernen Helden, wie wir gewohnt ſind, einen ſolchen aufzufaſſen. Auch er iſt nur einer gleich den übrigen. Bei ihm geht Alles aus ſeiner Perſönlichkeit hervor, wie es bei Naturmenſchen der Fall iſt, und indem er an der Berathung auf dem Rütli nicht Theil nimmt, tritt er als der thatkräftigere erſt in dem 3. Akt zur größeren Geltung, und der Bund ſelbſt mehr in den Hintergrund. Aber die Einheit iſt darum nicht verloren; denn Alles geht bei dieſen Zuſtänden der Cultur aus perſönlichen Verhält⸗ niſſen hervor, und ſo wird Tell zum Retter des Volkes, indem er eine That der Nothwehr ausübt, und die Uebrigen werden erſt nach geſchehener That der Tragweite derſelben für das ganze Land ſich bewußt. Börne hat das harte Wort ausgeſprochen und viele haben es ihm nachgeſagt, daß Tell nichts als ein liſtiger Bauer ſei, der hinter dem Buſch ſeinem Feind auflaure und niederſchieße. Man kann einfach darauf erwiedern, daß es dem Dichter nicht einfallen konnte, den Tell zu einem modernen Helden zu machen, daß er mit einem ſolchen Verſuche, ſeiner Idee, ein in den Anfängen der Cultur ſtehendes Hirtenvolk zum Helden zu machen, vollſtändig untreu geworden wäre. Konnte es wohl eine ſchönere und deutſchere Ausſprache der Freiheit geben, als die, welche Schiller in ſeinem Wilhelm Tell niedergelegt hat? Die Freiheit, die auf den ewigen Menſchenrechten beruht, die in Liebe und Unſchuld ſich bethätigt, die nicht fremden Gutes begehrt, die das Vaterland feſt⸗ hält mit ganzem Herzen, die zum Schwerte greift, um für Weib und Kinder zu ſtehen, jene Freiheit, die ſelbſt im Zorn die Menſchlichkeit noch ehrt, und ſich im Glücke, im Siege be⸗ ſcheidet, die Freiheit, die in der Selbſtbeherrſchung und Mäßigung ihre ſchönſte Verklärung findet, das iſt das große Vermächtniß, welches der deutſche Dichter Schiller ſeiner Nation im Tell über⸗ geben hat. Wahrlich, die deutſche Nation war würdig ihres großen Dichters; ſie hat in dankbarer Liebe ſein Teſtament nicht blos in Ehren gehalten, ſie hat es ausgeführt in treuem Verſtändniſſe döſſen, was der Dichter von ihr gefordert hat, nämlich in richtiger Erkenntniß ihres eigenen eſens.

So wurde Tell gewiſſermaßen der Pentateuch der deutſchen Nation. In den Tagen der Er⸗ hebung, da hat ſie Begeiſterung geſogen aus der Darſtellung eines Volkes, das fremden Zwang nicht duldete, deſſen Frauen wie Männer bis zum Tode die Freiheit liebten; ſie hat unverbrüchlich feſtgehalten an der Reichseinheit, trotz harten, böſen Tagen, ſie hat dieſelbe neu gegründet in den Jahren 1870 1871 in unvergleichlichem Ruhme und unerreichter Herrlichkeit; ſie hat dem über⸗ müthigen Feinde gegenüber auf ihrem höchſten Gipfel des Glücks eine Mäßigung, eine Selbſtbe⸗ herrſchung gezeigt, welche allen übrigen Nationen zur Bewunderung gedient hat. So hat der Dichter prophetiſch ahnend ſeine Nation erkannt, ſo hat die Nation ihren Dichter verſtanden.

** . 82

Es bleibt noch übrig, ein Wort über die naturgetreue lokale Färbung, womit der Dichter den Schauplatz der Handlung ausgeſchmückt hat, hinzuzufugen. Wie ſchon bemerkt, war er niemals in der Schweiz und konnte daher nur auf Grund ſeiner Studien aus einigen Büchern und ſeiner Unterhaltung mit Goethe, vermöge ſeiner dichteriſchen Anſchauungsgabe dieſe wunderbare Natur ſchildern. Als beſten Beleg dafür bringe ich einige Mittheilungen aus einem Briefe M. Carriere's, die Karl Grün in ſeinem Commentar zu Schiller's Werken mittheilt:Wie wunderbar die ganze