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„Doch wenn ein Volk, das fromm die Heerden weidet, Sich ſelbſt genug, nicht fremden Guts begehrt,
Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet,
Doch ſelbſt im Zorn die Menſchlichkeit noch ehrt,
Im Glücke ſelbſt, im Siege ſich beſcheidet:
Das iſt unſterblich und des Liedes werth.“
Der Dichter will alſo, wie er hier ſagt, ein frommes Hirtenvolk zur Darſtellung bringen, welches zufrieden ohne Eroberungsluſt dahinlebt, aber genöthigt wird, zur Rettung ſeiner Selb⸗ ſtändigkeit, die Waffen zu ergreifen, und ſelbſt im Siege die Mäßigung bewahrt. Damit würden wir jedoch die Idee des Schauſpiels noch nicht erſchöpft haben. Halten wir zunächſt das Eine feſt: Der Dichter will uns den glücklichen Zuſtand eines frommen harmloſen Hirtenvolkes zur Anſchauung bringen. Das Eleuſiſche Feſt, der Spaziergang, die Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Men⸗ ſchengeſchlechtes zeigen uns, daß bei den Anfängen der Civiliſation überhaupt, wie Humboldt in einem ſeiner Briefe ſagt, beim Uebergang vom Nomadenleben zum Ackerbau, bei dem mit der mütterlichen Erde gläubig geſtifteten Bunde des Dichters Phantaſie vorzugsweiſe gerne verweilte. Im Spaziergang, in welchem er den Gegenſatz zwiſchen Natur und Cultur in herrlicher Weiſe zur Darſtellung bringt, tritt uns in dem Bilde des Lebens die erſte Entwicklungsſtufe der Menſchheit entgegen, wo der Menſch noch mit der Natur auf's Innigſte verbunden iſt.
„Glückliches Volk der Gefilde! noch nicht zur Freiheit erwachet, Theilſt du mit deiner Flur froͤhlich das enge Geſetz.
Deine Wünſche beſchränkt der Ernten ruhiger Kreislauf,
Wie dein Tagewerk, gleich, windet dein Leben ſich ab!“
Ein ſolches Hirtenvolk, das in der Seele des Dichters ſchon längſt Form und Geſtalt ange⸗ nommen hat, er fand es nun, als er mit der Tell's Sage ſich beſchäftigte, in dem Volke der Wald⸗ ſtätte wirklich vor. Hier war ein wirklicher Zuſtand reinen idylliſchen Glückes, wie mußte es den Dichter reizen, dieſen Zuſtand zur Anſchauung zu bringen! Wer wäre geeigneter zu einem ſolchen Unternehmen geweſen, als gerade er, indem er zu den Anſchauungen eines ſolchen Volkes wie zu alten Freunden ſich herabſenken und geſellen konnte. Und dieſes Volk lebte umgeben von einer majeſtätiſchen Natur, deren Größe und Schöͤnheit auf dem Erdenrunde ihres Gleichen ſucht. Mußte das aber nicht den Dichter entmuthigen, da er niemals an Ort und Stelle war? Wohl hätte es einen Dichter geringeren Grades niederdrücken können, aber Schiller mußte ſich bewußt ſein, was ſeine dichteriſche Intuition zu leiſten im Stande war. Wer vom Rauſchen eines Mühlwaſſers ſich zur Darſtellung des großartigen Rheinfalles bei Schaffhauſen in der Schilderung der Charybdis erheben konnte, wer den Kampf der wilden Thiere und des Feuers Wüthen ſo anſchaulich machen konnte, der durfte es wohl wagen, von den heimatlichen Bergen zu den Gletſchern im Geiſte empor⸗ zuſteigen und alle Geheimniſſe und Wunder dieſer impoſanten Natur dichteriſch zu verherrlichen. Ein neues Moment tritt hinzn. Dieſes friedfertige Volk wird genöthigt, zur Sicherung ſeiner Un⸗ abhängigkeit die Waffen zu ergreifen. Schiller wird vorzugsweiſe der Dichter der Freiheit genannt. Eine harte Lebensſchule und die fortſchreitende Klärung ſeines philoſophiſchen Geiſtes hatte ihn zum Dichter der wahren Freiheit und wahren Menſchenrechte herangereift zu einer Zeit, wo die Freiheit mit der Zügelloſigkeit vielfach verwechſelt wurde. Hatte er im Spaziergange die Abweichung von der Natur, und in der Glocke den verderbenbringenden Mißbrauch der Freiheit verurtheilt, ſo bot ſich ihm hier eine Gelegenheit, die Schützung angeborner und ererbter Rechte, die Freiheit, deren ſchönſte Frucht die Mäßigung und Selbſtbeherrſchung iſt, den Ausſchreitungen der franzöſiſchen Revolution entgegen zu ſtellen. Dazu war dieſes Volk ein ſtammverwandtes, welches an der Reichsidee feſthielt. Mußte nicht zu einer Zeit, wo die Reichsidee nur noch ein hohler Name war und der Tag von Jena bevorſtand, wo der fremde Eroberer das Reich in Trümmer warf und ſeinen Fuß auf das niedergeworfene Vaterland ſetzte, mußte da nicht der Dichter deutſcher Freiheit zu einer That ſchreiten, die wohl eine Niederlage auswetzen konnte? Er ſchritt zu dieſer That, die ein Sieg war, in der Schöpfung ſeines Wilhelm Tell. So, und nicht anders, faßte der Dichter den Gedanken, ein großes Volksſchauſpiel zu dichten, in welchem alle jene angeführten Ideen mit der Tell's Sage in Ein⸗


